„2000 Jahre Christentum“ – Eine Kontroverse
Seit dem 7. November läuft im Ersten Deutschen Fernsehen die Reihe „2000 Jahre Christentum“. Sie stellt die Geschichte des Christentums von den Anfängen bis zur Gegenwart in 13 Folgen dar. Was ist davon zu halten? Zwei kontroverse Kommentare.
Zeitraffer mit Tiefgang
Bei der 13-teiligen Serie „2000 Jahre Christentum“ standen die Macher vor einer schier unmöglichen Aufgabe. Aus der Fülle von Materialien mussten die geschichtlichen Fakten zu einem möglichst umfassenden Bild zusammengestellt, verantwortungsvoll interpretiert und telegen präsentiert werden. Was den Zuschauerinnen und Zuschauern in den bisher ausgestrahlten Folgen vermittelt wurde, überzeugt. Es überzeugt in erster Linie deshalb, weil der Inhalt nicht zum Sklaven der Form gemacht wurde, sondern die Form den Inhalt vermittelnd stützt. Die patchworkartige und schnell geschnittene Szenenfolge sowie der Klangteppich mögen gewöhnungsbedürftig sein. Aber der Mix aus nachgestellten Szenen, Sequenzen an Originalschauplätzen, Karten und Computeranimationen lassen die oft komplexen Sachverhalte im wahrsten Sinn des Wortes anschaulich werden.
Die Serie hat sich dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Forschung verpflichtet, was sich angesichts der teilweise dürftigen oder umstrittenen Quellenlage auch in stilistisch klugen Formulierungen äussert. Was als wissenschaftliche These im Raum steht, wird als solche vermittelt und nicht zu einer Halbwahrheit stilisiert. „Vielleicht“, „soll gewesen sein“, und „lässt sich nicht beweisen“, gehören zum Kernvokabular der Moderation. Auf diese Weise entsteht der Materie gegenüber eine wohltuende Distanz, die in dichter Folge aufrichtig Auskunft gibt über die mitunter wunderbaren Ereignisse auf dem Zug der Menschheit durch die Zeit. Die theologischen und kirchlichen Entwicklungen werden immer wieder eingebettet in ihr soziales, politisches und kulturelles Umfeld. Was eine der Hauptaufgaben der Theologie ist, wird auf diese Weise auch für Nicht-Fachleute nachvollziehbar: Die Antwortsuche auf die Frage, wie es zu dieser oder jener Entwicklung gekommen ist. Die Serie vermittelt die Materie kompetent und gleichzeitig audiovisuell attraktiv.
Die Serie sucht den aktiven Rezipienten und spornt ihn an, mitzudenken. Die einzelnen Sequenzen sind voll gepackt mit Informationen, die der Zuschauer im Rahmen seines Interesses bzw. Vorwissens selber voll zur Geltung bringen kann. So sind immer wieder Aha-Erlebnisse vorprogrammiert, die als Wegzehrung dienen: Bei der Präsentation der geschichtlichen Zusammenhänge treten Akteure auf, von denen irgendwann im Geschichtsunterricht schon einmal die Rede war. Fest zum Konzept der Sendungen gehört auch der Brückenschlag von der Geschichte in die Gegenwart: Fachleute präsentieren historische Dokumente, Arbeits- und Forschungsmethoden von angrenzenden wissenschaftlichen Disziplinen werden einbezogen und dargestellt.
Die Serie bietet den verschiedenen Zielgruppen nicht nur Unterhaltung, sondern ein beachtliches Lernpotenzial. Die Tatsache, dass sich dieses kaum in „Echt-Zeit“, also im Verlaufe der einzelnen Folgen ausschöpfen lässt, wirft gleichzeitig ein positives und ein kritisches Licht auf das Sendekonzept: Hat sich der Zug durch die Zeit einmal in Bewegung gesetzt, lässt er kaum Momente zur Verarbeitung zu. Um dem Dargestellten folgen zu können ist eine vertiefende Reflexion nicht Bedingung. Ist eine solche vom Rezipienten aber erwünscht, muss sie im Anschluss erfolgen, oder eben im Rahmen eines Begleitseminars, wie es von den Initianten beabsichtigt ist. In der Diskussion über den vermittelten Inhalt und dessen Darstellungsweise wird früher oder später klar werden, dass es keinen Exklusivanspruch auf die Geschichte des Christentums gibt. Die Geschichte besteht aus Geschichten von Menschen, die zu erforschen ein hohes Mass an Respekt und Präzision verlangt. Bei ihrer Darstellung wird stets verkürzt und interpretiert. Wer sich anschickt, die 2000jährige Geschichte des Christentums in 585 Fernseh-Minuten aufzurollen, sieht sich ständig konfrontiert mit der Auswahl und Gewichtung der Inhalte.
Das Resultat, das den Zuschauerinnen und Zuschauern jeweils am späten Sonntagnachmittag präsentiert wird, verdient Anerkennung. Die Sendereihe ist prädestiniert fürs Video-Archiv, als Ausgangspunkt für eine Seminar- oder Fortbildungsreihe. Bis die Bänder voll sind bleibt der Wunsch, dass die Serie ihren Sendeplatz nicht noch öfter kurzfristig an andere Glanzleistungen aus der Welt des Sports abtreten muss.
Matthias Müller
Der Autor, Theologe und Journalist, ist zurzeit Praktikant bei komRadio.
Das Christentum hat besseres verdient
Die gute Nachricht gleich vorneweg: Das Christentum ist dem Fernsehen immer noch eine dreizehnteilige, aufwendig gestaltete Serie wert. Und wie nach dieser Einleitung nicht anders zu erwarten, die schlechte Nachricht gleich hintendrein: Es ist ein Staatsbegräbnis erster Klasse geworden.
Am 7. November startet die ARD die Sendereihe „2000 Jahre Christentum“. Und als wolle er sich vorsorglich schon mal absichern, schreibt Programmdirektor Günter Struve: „Natürlich ist niemand einem solchen Thema gewachsen. Bei allem Respekt vor dem hochrangigen Team aus Autoren, Regisseuren, Wissenschaftlern und Gestaltern glaube ich, dass wir mit einem Thema dieser Grösse eigentlich nur untergehen können. Vielleicht wird es ein grandioser Untergang, dann ist es schon ein grosser Wurf.“ Lieber Herr Struve, ihre vorauseilende Selbstkritik in Ehren, aber das klingt verdächtig nach kalten Füssen noch bevor sich unsere Gemüter erhitzen können.
Aber kehren wir zunächst zur guten Nachricht zurück: Die ARD hat sich entschlossen, dem Christentum und seiner Geschichte wieder einmal eine Plattform zu bieten. Was in diesem Jahr in kleinerem Ausmass bereits „Facts“, „Spiegel“ und „Blick“ bewiesen haben, das demonstriert nun diese Sendereihe im grossen Stil: Die gläubigen Christen mögen weniger geworden sein, das Christentum jedoch hat von seiner Faszination und seiner Provokation nichts eingebüsst. Diesem „Erfolgsgeheimnis“ versuchen dreizehn Filme, beginnend mit „Von Jesus zu Christus“ und endend mit „Chancen und Gefahren“, auf die Spur zu kommen – nicht enthusiastisch verklärend aber auch nicht zerstörerisch kritisch.
Soweit die lobenswerte Absichtserklärung. Aber schon mit der Benennung des Zielpublikums scheinen sich die Produzenten nicht einig geworden zu sein. Deshalb dürfen sich nun alle ein bisschen angesprochen fühlen: die Gläubigen und die Skeptiker, die Enthusiasten und die Enttäuschten, alle friedlich vereint vor dem Bildschirm. Was sie zu sehen bekommen, sind süffige Spielsequenzen für das Bildungsbürgertum, das auch einmal etwas Videoclip-Ambiente schnuppern möchte. Es werden gefühlvolle Momente für die gläubige Schar geboten – aber auch mit Kritik wird nicht gespart. Aber bitte immer schön ausgewogen: Luther hatte natürlich recht, Ignatius von Loyola irgendwie auch, nur die Inquisition, die war ganz schlecht. Man wird das Gefühl nicht los, als suche die Sendereihe stets den beliebigsten gemeinsamen Nenner und so wird biederes, politisch und theologisch korrektes Mittelmass geboten. Und wer will, mag sich daran freuen, dass das Christentum nur massvoll gerügt oder daran, dass es ebenso massvoll gelobt wird.
Hätte man doch nur mit heiligem Zorn die Verbrechen, die im Namen des Christentums begangen wurden, angeprangert und mit ebenso heiliger Begeisterung seine Grösse bejubelt – dann wäre das Christentum als anstössig, als aufrührerisch, als verstörend, als provozierend – kurz als lebendig erschienen.
So aber wird es in Schönheit zu Grabe getragen. Denn leider waren die Macher in einer Hinsicht alles andere als massvoll – in der Benutzung moderner Fernsehtechnik. Die Spielsequenzen sind von erlesener Banalität: weichgezeichnete Bilder mit wohlklingenden Stimmen an einer klebrigen Soundsosse serviert – Edelkitsch vom Unbekömmlichsten, bei dem selbst die dunkelsten Stunden des Christentums noch zum ästhetischen Genuss werden.
Nicht genug damit, gleichzeitig mit dem Start der Serie wurde auch eine eigentliche Bildungsoffensive gestartet. Neben dem Buch zur Serie erschien ein Spielbuch für die fromme Inszenierung beim kirchlichen Vereinsabend, eine DIA-Serie zur Schlummermeditation, eine CD für das christliche Kaufhaus und selbstverständlich drohen sowohl katholische wie evangelische Erwachsenenbildung mit Begleitveranstaltungen, Gesprächskreisen und, überaus trendig, einem virtuellen Gesprächseminar.
Hat die grossartige, die furchterregende, die heilsbringende, die jämmerliche Geschichte des Christentums solches verdient? Soll man sich diese Sendereihe wirklich antun? Aber sicher, denn das eine Sprichwort heisst: was uns nicht umbringt, macht uns stärker und das andere: nichts ist so langweilig, wie es uns die ARD weismachen will.
Thomas Binotto
Der Autor ist freier Journalist und Webmaster kath.ch
„2000 Jahre Christentum“
Läuft noch bis Ende Februar jeweils sonntags um 17.15 Uhr auf ARD
Über Sendetermine und -inhalte sowie über Begleitangebote kann man sich im Internet unter der Adresse http://www.2000-jahre-christentum.de informieren.
