Azzurro
Dreissig Jahre hat der Italiener Giuseppe als Gastarbeiter in Genf geschuftet. Jetzt kehrt er in die Schweiz zurück, weil er die Hilfe seines ehemaligen Patrons braucht, ohne die er die Augenoperation für seine blinde Enkelin Carla nicht finanzieren kann. Ein sentimentales aber auch unaufdringliches Kinomärchen über verpasstes Leben und über die Heimatlosigkeit des Gastarbeiters – humorvoll, lakonisch, witzig, melancholisch erzählt und nicht nur für «Secondos» zum Weinen schön.
Wer Märchen nicht mag, wer im Kino partout Realistik erwartet und wer Tränen für ein Zeichen sentimentaler Schwäche hält, sei vor «Azzurro» gewarnt – dieser Film könnte Gefühle wecken. Wer hingegen Vittorio de Sica und Frank Capra immer noch für grosse Regisseure hält, wird Rabaglia für dieses liebenswürdige und vitale Lebenszeichen des humanistischen Kinos dankbar sein. Zuzuschreiben ist dies einem Drehbuch und einer Regie, die wesentlich vielschichtiger sind, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Carlas Augenoperation dient lediglich als Aufhänger für eine Parabel. Das eigentliche Zentrum ist Giuseppe, der von Paolo Villaggio grandios und berührend zugleich verkörpert wird. Ihm müssen endlich die Augen aufgehen für die eigene Lebensgeschichte, eine Geschichte des verpassten Lebens. Erst durch die einzige Tochter, die er je lieben konnte, durch Carla, entdeckt er einen Weg, seine beiden verpassten Leben miteinander zu versöhnen.
Thomas Binotto
scriptorium@binotto.ch
«Azzurro», Schweiz / Italien / Frankreich 2000, Regie: Denis Rabaglia, Besetzung: Paolo Villaggio, Francesca Pipoli, Jean-Luc Bideau
