Hirtenreise ins dritte Jahrtausend
«Das ist eine Lebensaufgabe! – Auf jeden Fall heute und morgen.» Mit diesen Worten reizt Michel Cadenazzi das Publikum im neuen Film von Erich Langjahr zum Lachen. Und doch steckt genau darin die eigentliche Aussage des Films und seine ganze Dialektik: Lebensaufgaben finden immer hier und heute statt – verwirklicht werden sie weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft.
Jahrelang sind der Regisseur Erich Langjahr und seine Lebensgefährtin Silvia Haselbeck mit der Kamera unterwegs gewesen und haben Schweizer Bauern beobachtet. Daraus sind drei Filme entstanden: «Sennen-Ballade» (1996), «Bauernkrieg» (1998) und jetzt «Hirtenreise ins dritte Jahrtausend» (2002).
Langjahr ist ein präziser und geduldiger Beobachter. Dass er zu den Menschen, die er porträtiert, ein subtiles Vertrauensverhältnis aufbaut, spürt man, ohne dass er sich selbst je in den Vordergrund zu spielen braucht. Er fragt, indem er zuhört – und er entdeckt, indem er hinschaut.
In den Stabsangaben werden die porträtierten Hirten aufgeführt wie sonst die Schauspieler. Tatsächlich macht ihre Präsenz eine wesentliche Differenz zu gängigen Dokumentarfilmen aus, wo möglichst viele standardisierte Statements aneinandergereiht werden. Es ist deshalb nur folgerichtig, dass Langjahr sich gegen die Bezeichnung «Dokumentarfilmer» wehrt und seine Filme so lange wie möglich vom Fernsehen fernhält – sie gehören zunächst und hauptsächlich ins Kino.
Seine Filme ragen auch aus der Masse heraus, weil er nicht einer Story nachjagt und schon gar nicht einer Schlagzeile – er forscht geduldig nach einer Geschichte, die er dem Medium entsprechend in erster Linie mit Bildern erzählt. Und die Schlüssel zu seinen Geschichte besitzen immer Menschen, diesmal Thomas und Susanna Landis-Giacometti sowie Michel Cadenazzi mit Bea Ammann. Sie gehen einer der ältesten Kulturformen menschlichen Daseins nach: Sie sind Hirten – auf jeden Fall heute und morgen.
In ruhigen, schönen aber immer genauen und nie geschmäcklerischen Bildern geht Langjahr mit seinen Hirten auf die Reise. Er begleitet Thomas Landis auf dem Weg durchs voralpine Mittelland, Michel Cadenazzi auf die Alp im Gotthardgebiet, dann wieder die Familie Landis ins Bündnerland, wo sie neben den Schafen auch noch Ziegen hüten, kehrt zu Michel Cadenazzi zurück, der sich inzwischen «vergrössert» hat, um schliesslich erneut mit Thomas Landis ins Mittelland zu ziehen.
Langjahrs Vorliebe für Kreisbewegungen kommt auch in diesem Film deutlich zum Ausdruck. Aber wenn Thomas Landis ins Mittelland zurückkehrt und sich der Kreis scheinbar schliesst, ist er ein anderer Hirt geworden. Er schläft nicht mehr unter einer Zeltplache im Wald sondern in einer fahrbaren Hütte, die immer noch wenig, aber deutlich mehr Komfort bietet. Er erzählt davon, wie hart das Leben als Hirt sei, und gesteht völlig überraschend, nachdem man ihn zwei Stunden lang als die Ruhe selbst erlebt hat, dass er kein Sitzfleisch habe, dass er immer unterwegs sein müsse. Hirt zu sein braucht unendliche Geduld, und ist gleichzeitig von immer währender Unruhe geprägt.
Von einem Hirten wird verlangt, dass er Sicherheit ausstrahlt, obwohl er gleichzeitig stets im Provisorium lebt und sich nirgends fest einrichten kann. Genau diese Spannung verleiht dem Film seine schlichte Schönheit. So ruhig und rhythmisch austariert diese Hirtenreise abläuft, behaglich einrichten kann man sich nirgends, immer ist da etwas, das vorantreibt, irritiert, oder uns in die Gegenwart zurückholt.
Damit kommt Langjahr auf eigentlich poetische Weise einem Geheimnis des Lebens – nicht nur der Hirten – auf die Spur, nämlich der Spannung zwischen Treue und Wandel. Wir können über Michel Cadenazzi lachen – aber er bringt es exakt auf den Punkt: Sei deiner Aufgabe treu, schenke ihr heute und morgen deine ganze Kraft, aber trotze nicht krampfhaft dem Wandel und der Vergänglichkeit.
Zum Glück lachen wir über Michel Cadenazzis unwiderstehlichen Charme und die scheinbar widersprüchliche Formulierung. Dadurch steigen nämlich die Chancen, dass die Weisheit, die in diesen Worten verborgen ist, auch bei uns ankommt. Wer würde ihm schon zuhören, wenn er dasselbe so gelehrt wie Augustinus ausdrücken würde, der einst Gott und letztlich auch alle Christen mit der folgenden Kurzformel charakterisiert hat: «Semper agens semper quietus» – immer wirkend und doch ruhig.
Erich Langjahrs Film ist eine Lektion in Lebenskunst und für alle Alltagsgeplagte ein beglückender Moment des Atemholens, weil sie unmittelbar zu spüren bekommen, dass weder Nostalgieseligkeit noch Visionstrunkenheit die wahre Poesie hervorbringen – poetisch sind Lebensaufgaben, die heute und morgen angepackt werden.
Thomas Binotto
scriptorium@binotto.ch
«Hirtenreise ins dritte Jahrtausend», Schweiz 2002; Buch, Kamera, Schnitt, Regie: Erich Langjahr; Ton, Assistenz: Silvia Haselbeck; Musik: Hans Kennel; 124 Minuten; Verleih: Erich Langjahr, Langjahr Film GmbH, Luzernerstrasse 16, 6037 Root, Telefon: ++41 (0)41 450 22 52, Fax: ++41 (0)41 450 22 51, E-Mail: info@langjahr-film.ch, Internet: http://www.langjahr-film.ch
Vom 10.-16. Oktober im Lunchkino „Arthouse Piccadilly“, ab 17. Oktober im regulären Kinoprogramm – Details in der Tagespresse.
