Individuum und Kollektiv im Wechselspiel

Das 44. Internationale Filmfestival Vision du Réel bot eine wunderbare Möglichkeit, sich mit einem vielfältigen filmischen Panorama auseinanderzusetzen. Im Fokus der Filme, die in Nyon vom 19. bis 26. April 2013 gezeigt wurden, stand die Darstellung der gegenseitigen Beziehung vom Einzelnen zur Gemeinschaft. Die interreligiöse Jury zeichnete den Schweizer Film «Zum Beispiel Suberg» aus.

Der Festivaldirektor Luciano Barisone und sein Team präsentierten – aus insgesamt 3500 eingereichten Dokumentarfilmen – eine Auswahl von 110 Filmen in 8 verschiedenen Programmsektionen. Die Verschiedenartigkeit wurde schon aus den Programmkategorien ersichtlich: Von den «Premiers Pas», wo sich erste filmische Etüden von Nachwuchsschaffenden fanden, über den «Etat d’Esprit», der auf die Entdeckung neuer Talente aus der ganzen Welt fokussierte, über ein Spezialprogramm von Filmen aus dem Libanon bis hin zur Sektion «Compétition Internationale Longs» waren zahlreiche Entdeckungen in formaler und inhaltlicher Sicht auszumachen. Die Filme kamen aus 45 Ländern. Dabei war dieses Jahr die Präsenz der französischen und schweizerischen Dokumentarfilme mit je 24 Produktionen auffallend stark.


Weltreise durch Lebens- und Arbeitswelten

[bild36093|36094lw160h90c+] Wer sich auf die 19 Filme des Internationalen Wettbewerbs der langen Dokumentarfilme konzentrierte, wurde auf eine spannende Weltreise mitgenommen, auf welcher die Befindlichkeiten verschiedener Menschen, Gesellschaften und Kulturen erlebt werden konnten. Das Cinéma du Réel öffnete dem Publikum den Blick auf das Dasein von Kriegsbetroffenen im Nahen Osten in «Hamdan» von Martín Solá und «Les Chebabs de Yarmouk» von Axel Salvatory-Sinz. Mit Homosexuellen, psychisch Kranken und Süchtigen in der westlichen Welt setzen sich «American Vagabond» von Susanna Helke und «Weiss der Wind» von Philipp Diettrich auseinander. Zudem wurden auch Arbeitswelten in Südkorea in «Buran» von Hwanki Min und den USA in «Night Labor» von David Redmon und Ashley Sabin filmisch dargestellt.


Zwischen Individuum und Kollektiv

[bild36095|36096rw160h90c+] Interessanterweise lagen viele Themen im Spannungsfeld von Individuum und Kollektiv sowie deren Verhältnis. Dabei haben sich Filmschaffende oft auch in einer partizipatorischen Weise in die filmische Arbeit eingebracht. In zahlreichen Dokumentarfilmen sind die AutorInnen in der Rolle der ProtagonistInnen, die als Betroffene ihren filmischen «Ort» und die Beziehungen der Menschen untereinander untersuchen. So entdeckte man (Familien-)Geschichten von Künstlerpersönlichkeiten in Aserbaidschan («My Kith and Kin» von Rodion Ismailov), Vietnam («Bā Nōi» von Khoa Lé), Österreich («Omsch» von Edgar Honetschläger), China («Actress» von Gang Zhao) und in der Schweiz («Karma Shadub» von Ramon Giger und Jan Gassmann).  Der letztgenannte Film zeigt einen sensiblen Blick auf das Vater-Sohn-Verhältnis in der eigenen Künstlerfamilie und wurde mit dem Grossen Preis der Internationalen Jury ausgezeichnet. Die Waschküche als Ort des multikulturellen Austauschs wurde von Floriane Devigne und Frédéric Florey in «La clé de la chambre à lessive» in unterhaltsamer und interessanter Weise erörtert; der Film erhielt dafür den Grossen Preis der SRG SSR.


Veränderung im Blick

[bild36097lw160h90c-]Der Fokus, der von Interfilm und Signis eingesetzten interreliggiösen Jury, lag auf hervorragenden kinematografischen Werken mit existentiellen, sozialen und spirituellen Aspekten und menschlichen Werten. Die interreligiöse Jury verlieh ihren Preis dem Schweizer Film «Zum Beispiel Suberg» von Simon Baumann. Sie begründet ihren Entscheid wie folgt: «Der Film ist Ausdruck einer überzeugenden Suche, in der sich Jugend und Tradition sowie der Einzelne und das Kollektiv ergänzen. Der Regisseur geht in seiner Recherche von seinem Heimatdorf Suberg aus, das sich nach und nach verändert. Dort gehen landwirtschaftliche Traditionen verloren. Gleichzeitig gefallen sich die meisten Bewohner in einem selbst gewählten Rückzug. Dabei wählt der Filmemacher einen lebendigen und nostalgiefreien Blick auf eine gesellschaftliche Veränderung.» [bild36098rw160h90c-] Der französische Film «Les Chebabs de Yarmouk» von Axel Salvatory-Sinz erhielt eine lobende Erwähnung. «Der Film berührt aufgrund seiner Authentizität und seiner poetischen Sprache, in welcher das Eingeschlossensein in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Syrien thematisiert wird. Das Werk offenbart uns die Träume und Enttäuschungen einer Gruppe von jungen Leuten, die versuchen, ihre Zweifel und Schwierigkeiten – die für eine ganze Generation stehen – mit Mut und Hoffnung zu begegnen», schreibt die Jury.


Filme als Hoffnungsträger

Die Erforschung der Condition Humaine in aktuellen Sozietäten schärft unsere eigene Wahrnehmung, unser Fenster zur Welt und macht uns bewusst, wie stark das Moment der Verbundenheit und der Verantwortung unser Leben prägt. Die Theologin Dorothee Sölle, deren 10. Todestag mit dem Ende des Filmfestivals zusammenfiel, nannte «die Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeit alles Seienden» einen wichtigen Punkt in der «Spiritualität und der Umkehr». In diesem Sinne können solche Filme Hoffnungsträger sein. Sie lassen uns nicht einfach passiv hinschauen, sondern berühren und rütteln uns auf.

Lucie Bader Egloff, Präsidentin der Interreligiösen Jury
l.bader@bluewin.ch

http://www.visionsdureel.ch

Preis der Interreligiösen Jury
Die interreligiöse Jury vergibt den von der Katholischen Kirche Schweiz gemeinsam mit der Konferenz protestantischer Kirchen der französischen Schweiz (CER) mit 5000 Franken dotierten Preis an

Zum Beispiel Suberg
von Simon Baumann, Schweiz 2013
http://www.zumbeispielsuberg.ch

Die Jury vergibt eine Lobende Erwähnung an

Les Chebabs de Yarmouk
von Axel Salvatory-Sinz, Frankreich 2013


Die Interreligiöse Jury

Seit 2005 sind INTERFILM (Internationale Kirchliche Filmorganisation) und SIGNIS (Katholische Weltorganisation für Kommunikation) am Film Festival Visions du Réel in Nyon mit einer interreligiösen Jury akkreditiert. Die vier Mitglieder setzen sich zusammen aus je einem Vertreter von SIGNIS und INTERFILM, sowie je einem Angehörigen jüdischen und muslimischen Glaubens.

[bild36064lw160h90c+] Die Mitglieder 2013
Lucie Bader Egloff, Bern (Schweiz), Präsidentin
Houda Ibrahim, Paris (France)
Shafique Keshavjee, Puidoux (Schweiz)
Jörg Taszman, Berlin (Deutschland)