Halt auf freier Strecke

«Kommt ein Mann zum Arzt. Sagt der Arzt: hier sind zwei schlechte Nachrichten für Sie. Sie haben Krebs, das ist die erste. Und die zweite ist, Sie haben Alzheimer – darauf der Mann: zum Glück kein Krebs.» Ein Witz, über den man nicht recht lachen mag. Frank Lange, der ihn in die Kamera seines Smartphones erzählt, hat selber Krebs, einen Hirntumor. Aus heiterem Himmel kam die Diagnose, sachlich kühl vorgetragen vom Arzt. Ein paar Monate hat Frank noch zu leben. Dabei ist er erst vierzig, hat eine Frau, zwei Kinder und soeben ein eigenes Haus gekauft. Schonungslos begleitet die Kamera Frank und seine Familie. Dazu gehören auch Aggressionen von Frank, der nicht sterben will und die physischen Grenzen der ihn pflegenden Frau. «Du wirst sterben», wirft sie ihm einmal an den Kopf, «aber ich muss hier weitermachen, mit dem Haus, den Kindern, der Arbeit und dem ganzen Scheiss…»

Als Frank stirbt, seine Frau das Fenster öffnet und den Blick freigibt auf einen verschneiten Baum vor dem Haus, wird klar, wie wichtig dieser gemeinsame Abschied war – wie kostbar jede Minute des Lebens. Der Filmemacher Andreas Dresen recherchierte das Thema ausführlich, interviewte Sterbebegleiter, Ärzte und Hinterbliebene. Daraus entwickelte er Figuren und Szenenfolgen. Die Dialoge aber wurden auf dem Dreh improvisiert. Daher wirkt der Film nahezu dokumentarisch, thematisch verdichtet und geht heftig unter die Haut.

Brigitta Rotach, Kulturjournalistin
brigitta.rotach@access.uzh.ch

«Halt auf freier Strecke», Deutschland 2011, Regie: Andreas Dresen; Besetzung: Milan Peschel, Steffie Kühnert, Talisa Lilli Lemke, Mika Nilson Seidel; Verleih: Filmcoopi, http://www.filmcoopi.ch, Filmwebsite: http://halt-auf-freier-strecke.pandorafilm.de

Kinostart: 19. Januar 2012