Ursula – Leben im anderswo

Ein Leben ohne Agenda, eine Welt ohne hell und dunkel, ohne Fortschritt, nur im Sein – sprachliche Versuche das geheimnisvolle Leben der taub-blinden Ursula Bodmer zu beschreiben. Von einem Leben in Anderswo spricht der Filmemacher Rolf Lyssy. Mitte der sechziger Jahre war er beim Dokumentarfilm «Ursula oder das unwerte Leben» von Reni Mertens und Walter Marti beteiligt. Jetzt hat er Ursula und ihre Pflegemutter Anita Utzinger wieder getroffen. Mit Bildern von einst und als filmischer Begleiter durch Ursulas heutige Tage ist Lyssy ein berührendes Porträt gelungen.

Allen Prognosen einer kurzen Lebensdauer zum Trotz ist Ursula heute um die sechzig Jahre alt. Dabei wirkte das Heimkind Ursula im Kindergartenalter noch wie ein Baby, das man für nicht bildungsfähig, ja idiotisch hielt. Ursulas grosses Glück war die Heilpädagogin Anita Utzinger, die sie damals in ihre Obhut nahm, ihr einen Zugang zur Welt und vor allem viel Liebe zu geben bereit war. Allerdings dürfte die Mutter eines behinderten Kindes nicht älter werden, sagt Anita Utzinger, die heute selber gehbehindert ist. Denn Ursula bleibt immer ein Kind, das sie braucht. Ihre unerschütterliche Liebe und die ehrliche Zuwendung der Betreuerinnen erweisen sich letztlich als einzige Brücke zu Ursulas traumwandlerischer Welt. Eine Erkenntnis aus Anderswo, die moderne Leistungsmenschen existenziell irritieren und mit Fragen ans eigene Leben zurücklassen könnte.

Brigitta Rotach, Kulturjournalistin
brigitta.rotach@access.uzh.ch

«Ursula – Leben in Anderswo», Schweiz 2011, Regie: Rolf Lyssy, Dokumentarfilm mit Ursula Bodmer und Anita Utzinger; Verleih: Filmcoopi Zürich, Internet: http://www.filmcoopi.ch, Filmwebsite: http://www.ursula-film.ch

Kinostart: 12. Januar 2012