Die Fremde

Morde an muslimischen Frauen, die sich der Zwangsheirat verweigern, sind ein heikles Thema. Regisseurin Feo Aladag zeichnet ein eindringliches Familienporträt. Ihre Hauptfigur Umay ist von Istanbul nach Berlin geflohen. Sie hat die Gewaltausbrüche ihres Mannes nicht mehr ertragen und ihren kleinen Sohn mitgenommen. Der türkische Gatte will die «Deutschländer Hure» nicht mehr, sondern nur noch den Sohn. Doch Umay ist nicht bereit, ihr Kind zu opfern. Sie sucht Hilfe in einem Frauenhaus und beschämt durch ihr Verhalten die Familie. Immer wieder versucht die Tochter den Kontakt zur Familie aufzunehmen. Sie bleibt aber eine Ausgestossene: Umay zahlt den Preis für ihr mutiges Handeln. Die Familienehre kann nur durch den Tod wiederhergestellt werden. Den jüngsten Bruder trifft das Los.

Ohne moralische Verurteilung gelingt es der Regisseurin, den Konflikt zwischen patriarchaler und moderner Gesellschaft glaubhaft aufzuzeigen. Es kommt klar zum Ausdruck, dass der Vater seine Tochter liebt, sich jedoch dem Gesetz der Familienehre beugen muss. Der jüngere Bruder, zu dem Umay eine besonders herzliche Beziehung hat, scheint der schwächste Punkt der Familienkonstellation zu sein. Im Kampf um eine diffuse Ehre gibt es nur Verlierer. Die Täter sind keine Monster, sondern zerrissene Identitäten. Die Kamera richtet sich ruhig auf die Gesichter, die trotz harter Worte auch von Verzweiflung erzählen.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch

«Die Fremde», Deutschland 2010, Regie: Feo Aladag, Besetzung: Sibel Kekilli, Nizam Schiller, Derya Alabora; Verleih: Stamm Film AG, Internet: http://www.stammfilm.ch, Filmwebsite: http://www.diefremde.de

Kinostart: 8. Juli 2010