Die heissen Themen am Dokumentarfilmfestival in Nyon
Neben den Wettbewerbsfilmen sind die vielen fehlenden ausländischen Gäste und die Wahl des neuen Festivalleiters heisse Themen am 16. Festival Visions du Réel in Nyon, das am Mittwoch, 21. April mit der Preisverleihung zu Ende gehen wird.
Luciano Barisone heisst der Nachfolger von Jean Perret, der das Festival Visions du Réel seit 1995 erfolgreich geleitet hat und auf den Herbst als Leiter der Abteilung Film an die Haute école d´art et de design in Genf berufen worden ist. Dies gab Claude Ruey, der Präsident des Vereins Visions du Réel am Sonntagmittag in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz bekannt. Der in Aosta (Italien) wohnhafte Ethnologe und Filmkritiker Barisone hat von 2002 bis 2007 das Infinity Festival in Alba und zuletzt das Festival dei Popoli in Florenz geleitet. Seit 1997 arbeitet er u.a. auch mit den Filmfestivals Locarno und Venedig zusammen.
Aschewolke verhindert Besuch von Alan Berliner
Zu den prominenten ausländischen Opfern des isländischen Vulkanausbruchs, der den gesamten europäischen Flugverkehr lahm gelegt hat, gehört der amerikanische Filmemacher Alan Berliner, der 1997 mit seinem Familienporträt „Nobodys Business“ in Nyon den grossen Preis gewann. Darin gelingt es Berliner, seine Lebensgeschichte in einen breiten Zusammenhang der eigenen Familie zu stellen. Spielerisch und mit viel Humor werden die private Welt und die Geschichte des Vates bzw. jene der eigenen Familie in einer brisanten Gegenüberstellung neu geformt und öffentlich gemacht. Für das Atelier, das der Diskussion seiner zwölf programmierten Filme zugedacht war, wurde Alan Berliner schliesslich via Skype aus New York zugeschaltet.
Schweizer Premiere von „Aisheen“ im neuen Vorführsaal
Mit der Eröffnung des Théâtre de Marens (der früheren Aula des Lyceums), als weiterem Vorführsaal, ging für Jean Perret auch für seine letzte Festivalausgabe noch ein Ausbauwunsch in Erfüllung. Am Vorabend der Eröffnung des Festivals fand dort in Zusammenarbeit mit der Stadt Genf und der Stadt Nyon die Schweizer Premiere von „Aisheen“ (Still Alive in Gaza) des Genfer Regisseurs Nicolas Wadimoff statt. Es handelt sich um einen Situationsbericht aus dem Gazastreifen vom Februar 2009, nur einen Monat nach dem Ende der israelischen Militäroffensive. Ruhig und unspektakulär, ohne Agitation, aber auch ohne Analyse übermittelt der Film vielfältige Eindrücke und Stimmen darüber, was es bedeutet, in einer zerstörten Region, die durch eine fortdauernde Blockade von ihrer Umgebung abgeschnitten ist, das eigene Leben und den gemeinsamen Alltag wieder aufzubauen. Der Film hatte seine internationale Premiere bereits im Februar in der Sektion „Forum“ der Berlinale, wo er den Preis der ökumenischen Jury gewann. Nun gehört er auch zu den zwanzig Filmen, die im Wettbewerb des Festivals Visions du Réel programmiert sind.
Gewinner des Wettbewerbs noch ausstehend
Der internationale Wettbewerb versteht sich als repräsentative Plattform verschiedener Genres des aktuellen Dokumentarfilmschaffens. Politisch brisante Geschichten aus Kinshasa sind darin ebenso vertreten wie menschlich berührende Schicksale aus Finnland, Mali oder Paris. Ein zweiter Schweizer Film im Wettbewerb dreht sich um Bhagwans ehemalige persönliche Sekretärin und seinen Bodyguard: Sheela Birnstiel und Hugh Milne gehörten beide zum innersten Kreis des Guru. Allerdings gingen sie später aus unterschiedlichen Gründen eigene Wege. Zum ersten Mal erzählen sie über ihre Motive. Der Film „Guru“ von Sabine Gisiger und Beat Häner kommt am 29. April in die Deutschschweizer Kinos, während die Preisverleihung in Nyon bereits am Mittwoch, 21. April stattfinden wird.
Hans Hodel
Präsident und Jury-Koordinator INTERFILM
| Interreligiöse Jury 2010 Am diesjährigen Vision du réel ist wiederum eine interreligiöse Jury vertreten, die ihren mit 5000 Franken dotierten Preis an einen Film des internationalen Wettbewerbs vergeben wird. Der interreligiösen Jury 2010 gehören Filmfachleute aus den christlichen Konfessionen, dem Judentum und dem Islam an, die von der internationalen kirchlichen Filmorganisation INTERFILM und der internationalen katholischen Vereinigung für Kommunikation SIGNIS gestellt werden. In der Jury vertreten sind Ege Görgün, Journalist und Filmkritiker aus der Türkei, Daniel Grivel, Chefredaktor von Ciné-Feuilles in der Schweiz, Nathalie Roncier, Filmemacherin aus Frankreich und als Präsidentin Brigitta Rotach, Moderatorin der „Sternstunde Religion“ im Schweizer Fernsehen. |
