Tannöd
Bettina Oberli inszeniert nach ihrem Heimatfilm «Die Herbstzeitlosen» eine Sozialtragödie. «Tannöd» beruht auf dem gleichnamigen Roman der Schriftstellerin Andrea Maria Schenkel. In fragmentarischen Bildern wird die Geschichte vom bayrischen Einödhof erzählt. Hier wird kurz nach dem Weltkrieg eine fünfköpfige Bauernfamilie mit der Spitzhacke erschlagen. Was ist geschehen und wer ist der Mörder? Die Kriminalgeschichte verfängt sich schnell in einem Netz von Geheimnissen und dörflicher Enge.
Kathrin, eine Figur die im Roman nicht vorkommt, im Film jedoch aus dramaturgischen Gründen eingefügt wird, kommt der Sache ungewollt auf die Spur. Ihr Blick auf die Ereignisse bestimmt die Perspektive. Ihre Besorgnis und Angst sind Teil des religiös überhöhten Thrillers. Gebete, Wegkreuze, Kirche und Dorfpfarrer dürfen in diesem Milieu nicht fehlen. Doch entwickeln sie nicht die Kraft eines Soges. Das Schauspieler-Ensemble trägt den Film: Julia Jentsch als Kathrin und Monika Bleibtreu als verrückte Alte bleiben nachhaltig in Erinnerung. Anspruchsvoll ist das «Rashomon-Prinzip»: Die Geschichte wird immer wieder neu, aus vier oder fünf verschiedenen Sichtweisen erzählt. Die Tragik des Mordfalls, der nie aufgelöst wurde, besteht im bewussten Wegschauen. Der Blick spaltet sich und der Schatten des Dorfes wiegt schwer. Fluchtort ist der dunkle Wald, der jedoch keine Beheimatung bietet. Den getriebenen Figuren bleibt die Erlösung verwehrt.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
«Tannöd», Deutschland 2009, Regie: Bettina Oberli, Besetzung: Julia Jentsch, Monica Bleibtreu, Volker Bruch, Verleih: Pathé Films, http://www.pathefilms.ch
Filmwebsite: http://www.tannoed.film.de
Kinostart: 19. November 2009
