Jenseits der Polanski-Manie

Die Verhaftung von Roman Polanski hat am 5. Zurich Film Festival für Furore gesorgt. Auf einen Schlag ist das Festival weltweit bekannt geworden. Man könnte von einem unglaublichen PR-Coup sprechen, aber auch von einer bedenklichen Form der Aufmerksamkeitslenkung durch Skandale im Mediensystem. Dass das Festival darüber hinaus auch ein ansprechendes Filmprogramm bietet, ist beinahe in Vergessenheit geraten. Zwei Dokumentarfilme – einer aus Guatemala, ein anderer aus Israel – sind besonders anregend und kontrovers.

„Sex, crime and celebrity“ – auf diesen Nenner lässt sich die Berichterstattung über die Festnahme des polnischen Regisseurs Roman Polanski bringen. Auf der Plattform des Zurich Film Festival spielt sich ein Drama ab, das sich ein findiger Drehbuchschreiber nicht besser hätte ausdenken können. Das mangelnde Fingerspitzengefühl der Schweizer Behörden ist dabei genauso zu bedauern wie die blinden Solidaritätsbekundungen der Schweizer Filmbranche für Polanski. Die ganze Ambivalenz des Falls Polanski wird seit der Verhaftung am 27. September 2009 heftig diskutiert. Er erreicht uns mitten in der Debatte rund um die Verjährbarkeit von Sexualdelikten und der schwierigen internationalen Stellung der Schweiz angesichts des UBS-Debakels und der Gaddafi-Affäre. Da bohrt die Verhaftung des Oskarpreisträgers in Zürich einen weiteren Pfeil in die offene Wunde des angeschlagenen Selbstwertgefühls. Der Aufschrei ist gross – aber warum eigentlich? Der Rechtsstaat verfolgt seine Ziele und der Angeklagte kann die Rechtsmittel mit seiner Verteidigung ausschöpfen. Trotzdem können wir als newsgierige Mitglieder der Mediengesellschaft täglich die Updates auf den Online-Dossiers verfolgen.

Guatemala als Ort der Gewalt

Wegen der Polanski-Manie sind die Filme am Festival in den Hintergrund getreten, aber völlig zu unrecht. Neben dem Spielfilmwettbewerb gibt es nämlich in Zürich auch eine Dokumentarfilm-Sektion, die durchwegs sehenswert ist. Die junge Schweizer Filmschaffende Anita Blumer präsentiert mit „Buenos días, seguimos en guerra“ einen Film zur Lage der systemischen Gewalt in Guatemala. Zehn Jahre nach der Beendigung des Bürgerkriegs herrschen in Guatemala noch stets kriegsähnliche Zustände. Mit einer der höchsten Mordraten auf dem amerikanischen Kontinent sind die staatlichen Behörden sichtlich überfordert. Es gibt eine 97-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass ein Mord in diesem Land nicht geahndet wird. Vor diesem Hintergrund recherchiert die Regisseurin die Geschichte vom Verschwinden eines Mädchens und dem Kampf seiner Mutter gegen die Mühlen der Justiz. Immer weiter deckt sie auf, wie das Mädchen von einem Menschenhändlerring entführt und beseitigt wurde, wie die Gehilfinnen dieser Tat öffentlich gelyncht wurden und weshalb die verantwortlichen Drahtzieherinnen immer noch auf freiem Fuss sind. Das Potential zur Gewaltanwendung ist besorgniserregend. Blumer deckt auf, wie die Mechanismen spielen und hat dafür eine sehr gelungene dokumentarische Form des Storytelling gefunden.

„Holocaust-Industrie“

Ein Dokumentarfilm aus Israel lässt dem geneigten Zuschauer den Atem stocken. In „Defamation“ zeigt der Israeli Yoav Shamer auf, wie die amerikanisch-jüdische Anti-Defamation League (ADL) international politisch wirksam ist. Er begleitet den Präsidenten Abe Foxman auf einer Reise durch Europa, zeigt sein Lobbying bei Regierungen und einflussreichen Persönlichkeiten. Die Zwiespältigkeit dieses Vorgehens der ADL, das stets auf der grossen Schuld der Täter gegenüber den Juden im Zweiten Weltkrieg beruht, deckt der Film schonungslos auf. Es kommen auch scharfe Kritiker wie Norman Finkelstein zu Wort, die von einer regelrechten „Holocaust-Industrie“ sprechen. Nicht zuletzt stellt „Defamation“ die heikle Frage nach der Gleichsetzung von Antisemitismus und Antizionismus. Ist eine Kritik am Staat Israel wegen der Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten immer schon eine antisemitische Aussage? Diese Frage stellt Yoav Shamer beharrlich und erhält von seinen Protagonisten mehr Antworten, als ihm lieb ist. Auf jeden Fall wird klar: Das ist ein äusserst umstrittenes Thema in der weltweiten jüdischen Gemeinschaft und nicht alle sind glücklich über die aggressive Lobbyarbeit der ADL. Der Film zehrt jedoch auch vom Charisma von Abe Foxman, der mit Herzblut seine Mission durchführt. So führt uns der Film ganz nah an diese Debatte heran und macht die Temperatur dieses heissen Eisens fühlbar. Intellektuell anregend und authentisch nah an den Menschen dran ist „Defamation“ ein Ärgernis und ein notwendiger Film zugleich.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch

Das Zurich Film Festival dauert noch bis Sonntag, 4. Oktober.
http://www.zurichfilmfestival.org/

Dossiers zum Fall Polanski
Spiegel online: http://www.spiegel.de/thema/roman_polanski/
Tages-Anzeiger online: http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/dossier/der-fall-polanski/dossier.html

Porträt über Anita Blumer und ihren Film „Buenos días, seguimos en guerra“ (NZZ, 25. September 2009)
http://www.nzz.ch/nachrichten/zuerich/sprung_vom_popcorn-stand_zur_grossleinwand_1.3664254.html

Filmwebsite „Defamation“
http://www.defamation-thefilm.com