The Sound of Insects
Ein Toter steht als Chiffre für die Anonymität in der spätmodernen Gesellschaft. Obwohl er namenlos bleibt, wird sein Tagebuch des Sterbens in voller Länge vorgelesen. Ein radikales Sprachereignis: Aus nächster Nähe erleben wir die Innenwelt des zum Tode Hungernden, seine Verzweiflung auf dem Weg ohne Rückkehr. Tod durch Verhungern ist ein Verdikt, das viele Menschen in der globalisierten Welt trifft. Der selbst gewählte Tod durch Verhungern ist jedoch ein verstörender Bruch mit der Konvention. Und genau darum geht es in dem filmischen Essay von Peter Liechti, der sich intensiv mit der Verweigerung der Konsum- und Leistungsgesellschaft beschäftigt. „According to a true story“ steht im Vorspann des Films. Die Wahrheit der Geschichte liegt weniger in der Unvermeidbarkeit des Todes, als im radikalen Gestus dieses quälend langsamen Scheidens.
Die radikale Verweigerung des Lebens beruht auf einem Meisterstück des Erzählens. Die japanische Novelle von Shimada Masahiko knüpft dabei an eine Literaturgattung der Edo-Zeit an: Ausgangspunkt ist der Tod einer Person. Die darauf folgende Geschichte versucht zu ergründen, was geschah und welche Motive zum Tod führten. Peter Liechti führt die Vorlage in einen filmischen Essay über: ein stille Variation von Naturbildern, Insektengeräuschen und Erinnerungsfetzen. Dem Regisseur gelingt damit ein kongeniales Werk, das berückend einfach und ergreifend tiefgründig ist.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
„The Sound of Insects“, Schweiz 2009, Regie: Peter Liechti, Filmessay; Verleih: Look Now!, http://www.looknow.ch, http://www.peterliechti.ch
Kinostart: 24. September 2009
