Wenn Menschen sterben

Filmfestivals sind Seismographen für die Befindlichkeit einer ganzen Generation. Im ersten Teil des internationalen Wettbewerbs dominieren Filme, die vereinsamte und verlassene Jugendliche porträtieren. Auslöser sind tragische Ereignisse oder der Tod eines nahestehenden Menschen. Herausragend sind in dieser Beziehung der südafrikanische Film „Shirley Adams“, das Jugendporträt „Wakaranai“ aus Japan, sowie der kanadische Beitrag „La donation“.

Mit der einfühlsamen Studie „Wakaranai“ meldet sich Masahiro Kobayashi in Locarno zurück, nachdem er 2007 mit dem Film „Rebirth“ den Goldenen Leoparden gewann. Diesmal wagt er sich an die prekäre Lebenssituation des 16-jährigen Schülers Ryo, der in den Sommerferien arbeitet, um seine Familie über Wasser zu halten. Doch die Mutter stirbt im Spital und der Vater ist verschwunden. Geduldig folgt der Regisseur den alltäglichen Verrichtungen des Jugendlichen und zeigt seine einsame Verzweiflung auf berührende Art. Die Einsamkeit von Ryo ist erdrückend und doch macht er sich in Tokyo auf, um nach seinem Vater zu suchen.

„Geben“ als Sinn des Lebens

Ebenfalls ein bekanntes Gesicht in Locarno ist Bernard Émond aus Kanada, der mit „La donation“ seine Trilogie über die drei theologalen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe abschliesst. Im dritten Teil geht es nun um die Nächstenliebe. Die Geschichte greift einen Erzählstrang aus „La Neuvaine“ auf; dem ersten Teil der Trilogie und Preisträger der Ökumenischen Jury von Locarno aus dem Jahr 2005. Die Ärztin Jeanne hat am Ende von „La Neuvaine“ ihre Depression überwunden und den Glauben ans Leben wiedergefunden. Wie der Regisseur jedoch an der Pressekonferenz zu „La donation“ festhält, ist diese Heilung der Figur noch nicht vollständig. Er schickt Jeanne nun in das kanadische Hinterland, wo sie die Stellvertretung für einen Landarzt übernimmt. Sie ist sich noch nicht sicher, ob sie in dieser Gegend praktizieren möchte, doch die Nähe zu den Leuten, ihren Lebensgeschichten, Krankheiten und ihrem Sterben bringen die Ärztin immer näher zur Erfahrung der „Hingabe“. Bezeichnenderweise ist es auch hier der plötzliche Tod einer Jugendlichen, der sie zum Engagement im Sinne der Nächstenliebe führt. Jeanne lernt, dass ihre Befähigung als Ärztin auch Nähe zu den Menschen und ihren Schicksalen verlangt.

Verzweifeln oder doch Hoffnung finden?

Überraschend stark und überzeugend ist der südafrikanische Wettbewerbsbeitrag, der den Namen der Hauptfigur im Titel trägt: „Shirley Adams“. Die Krankenpflegerin hat sich aus ihrem Beruf zurückgezogen, um ihren Sohn zu betreuen. Dieser ist seit einer Schussverletzung am Hals querschnittgelähmt. Dieses tragische Ereignis hat die Familie zerschlagen: Der Vater hat das Haus verlassen, dem Sohn schwindet der Lebensmut, die Mutter kämpft jeden Tag um seinen Lebenswillen und die Befriedigung der alltäglichen Bedürfnisse. Der Film ist eine Sozialstudie, die nicht wertet, sondern geduldig die Ereignisse verfolgt. Von Anfang an sind viele Fragen im Raum, die nur schrittweise beantwortet werden. Mit der Schulterkamera verfolgt der Regisseur Oliver Hermanus Shirley im Kampf gegen die Vereinsamung ihres Sohnes Donovan. Als Zuschauer wissen wir nicht mehr als die Hauptfigur und kämpfen mit ihr ums Überleben. Es handelt sich um das eindrückliche Porträt einer engagierten Mutter.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch

Information zu den Filmen im Wettbewerb
http://www.pardo.ch

Bildgalerie der ökumenischen Juryarbeit
http://www.kirchen.ch/filmjury

Dossier von SR DRS
http://www.drs.ch/www/de/drs/themen/kultur/130934.locarno-und-der-goldene-leopard.html