Pandora´s Box

Das Alter und seine Gebrechen sind nicht gerade ein Paradesujet des Kinos, und doch finden sich immer wieder beeindruckende Filme, die sich der Thematik annehmen. Die türkische Regisseurin Yeşim Ustaoğlu, die vor zehn Jahren international mit „Reise zur Sonne“ von sich reden machte, beleuchtet in ihrem neuesten Film drei erwachsene Geschwister, deren Mutter dement wird. Die plötzliche und anstrengende Pflegebedürftigkeit der alten Frau – die neunzigjährige Tsilla Chelton wurde zu Recht als beste Darstellerin ausgezeichnet – erweist sich letztlich als Auslöser dafür, dass die beiden Schwestern und ihr Bruder den vermeintlichen Sinn ihrer eigenen Lebensentwürfe hinterfragen. Allerdings ist vieles so festgefahren, dass eine Wende unwahrscheinlich erscheint. Einzig der Enkel, der perspektivlos ins Nichtstun abzusinken droht, lässt sich neugierig naiv auf die sich verändernde Grossmutter ein.

Interessant macht den unaufgeregten Film, dass er sich keineswegs auf das Generationenproblem festlegt. Er bietet einen Spiegel der türkischen Gesellschaft, die zwischen Aufbruch, Tradition und Lethargie aufgespannt ist. Hier die pulsierende Grossstadt, dort das Bergdorf an der Schwarzmeerküste, ein sowohl idyllisches wie unwirtliches Abseits. Und mittendrin eine bezaubernde alte Frau, mal weise, mal zornig, mal einsam.

Christine Stark, Filmbeauftragte Reformierte Medien
christine.stark@ref.ch

„Pandora´s Box“ (Pandoranin kutusu), Türkei 2008, Regie: Yeşim Ustaoğlu, Darsteller: Tsilla Chelton, Derya Alabora, Onur Ünsal, Övül Avkiran, Osman Sonant, Tayfun Bademsoy, Verleih: Trigon-Film, Internet: http://www.trigon-film.org

Filmstart: 4. Juni 2009

„Pandora´s Box“ ist Film des Monats Juni. Der Film des Monats Juni ist als pdf abrufbar: medientipp.ch/pdf/filmtipp_200906.pdf