Interreligiöser Filmpreis in Nyon

Am Filmfestival „Visions du Rèel“ in Nyon (17.-23. April 2008) zeichnete die interreligiöse Jury den Wettbewerbsfilm „The Existence“ von Marcin Korzaika aus. Der Film fragt nicht nach dem Warum des Todes, sondern setzt sich feinfühlig mit dem heiklen Thema seines Nutzens auseinander.

Jean Perret und Gabriele Bussmann plädieren am „Vision du Réel“ seit 1995 Jahr für Jahr neu für einen unverkrampften Blick auf die unterschiedlichen Wirklichkeiten unserer Welt. Aber aus 1600 Werken jene 160 ausfindig zu machen, die die dem Festival am Herzen liegende Vielfalt der Genres, Handschriften und Standpunkte zum Ausdruck bringen, ist ein fast anmassender Anspruch. Wie weit er eingelöst wird, kann auch der fleissigste Festivalbesucher nur relativ beurteilen, denn im allerbesten Fall gelingt es ihm während der Festivalwoche einen Viertel der programmierten Filme zu sehen.
In Nyon hängt die Wahl der Filme nicht vom Thema ab, sondern von der Persönlichkeit der Handschrift und der Radikalität des Standpunktes, wobei sich das Festival entschlossen einsetzt für ein „Kino mit dem andern und nicht über ihn“.

Sieben Sektionen und sieben Juries

Mittelpunkt des Programms war auch dieses Jahr der internationale Wettbewerb mit insgesamt 22 Filmen, die im zum Kino umfunktionierten Gemeindesaal gezeigt wurden. Daneben fanden im lokalen Kino Capitol und im Kirchgemeindesaal „Colombière“ die Aufführungen der anderen Filmsektionen statt: „Regards neufs“, „Tendances“, „Helvétiques“, „Ficitions du Réel“, „Investigations“ und die neue Sektion „First Steps“ mit Schulfilmen oder unabhängigen ersten Kurzfilmen. Diese Sektionen fanden eine mindestens so grosse, wenn oft nicht gar grössere Aufmerksamkeit des Publikums. Die Tatsache, dass für den Film über Nicolas Bouvier von Gael Métroz annähernd hundert Besucher buchstäblich im Regen stehen blieben, zeigte das Bedürfnis nach einem grösseren Vorführsaal überdeutlich.
Die Internationale Jury vergab den von der Schweizerischen Post mit Fr. 20´000 dotierten Preis an den britischen Film „The Lie oft the Land“ von Molly Dineen, in dem sich die Regisseurin ausgehend von der umstrittenen Fuchsjagd mit dem Zustand der englischen Landwirtschaft befasst und Überlegungen zum Konsumverhalten und der Zukunft der Agrikultur anstellt. Den Preis der SRG SSR idée suisse erhielt „Nuit de Chine“ von Ju An-Qi (Frankreich/Italien/China). Weitere Preis wurden von der Jury „Regards Neufs“ verliehen, der Jury du Public, der Jury du Jeune Public, der Jury Prix du Cinéma Suisse und der Jury „Regards sur le Crime“.

Interreligiöse Filmpreise

Der Preis der interreligiösen Jury ging an den polnischen Film „The Existence“ von Marcin Korzalka. Am Beispiel eines achtzigjährigen Schauspielers, der sich entscheidet seinen Körper der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, werden Fragen rund um Tod und Leben thematisiert. Korzalkas Film erhielt interessanterweise auch einen von der „Hotelvereinigung der Côte“ gestifteten Preis, der von Gymnasiasten der Region besetzten Jury des jungen Publikums. Diese Jury war vor allem von der filmästhetischen Qualität des Films berührt. Die interreligiöse Jury war darüber hinaus von der feinfühligen Behandlung des heiklen und weithin tabuisierten Themas angetan. Eine lobende Erwähnung vergab sie dem Film „Entre Ours et Loup (24H dans la ville de N.)“ von Denis Sneguirev (Frankreich/Russland), der auch die Publikumsjury überzeugte und mit dem Publikumspreis der Stadt Nyon ausgezeichnet wurde. Sie honorierte damit den Mut und das Engagement des Regisseurs, der den Prozess gegen den Menschenrechtskämpfer und Leiter der Vereinigung für die russisch-tschetschenische Freundschaft Stanislas Dmitrievski in Nischni Nowgorod (das alte Gorki) verfolgt hatte.

Eine Interreligiöse Jury ist am „Visions du Réel“ erst seit 2005 akkreditiert, weil die von 1978 bis 1993 gepflegte Tradition einer Ökumenischen Jury zunächst nicht weitergeführt wurde. Das Interesse am Dokumentarfilm und einer Präsenz in Nyon blieb bei den Vertretern der kirchlichen Filmarbeit in der Schweiz und ihren internationalen Partnerorganisationen SIGNIS und INTERFILM allerdings erhalten und schliesslich einigte man sich angesichts des breit gefächerten filmischen Blicks des Festivals auf die Einrichtung einer Interreligiösen Jury. Sie bestand während drei Jahren aus Vertretern von SIGNIS, INTERFILM, der John Templeton Stiftung und abwechslungsweise einem jüdischen oder muslimischen Mitglied und vergab einen von der Katholischen Kirche Schweiz und der Templeton Stiftung mit 5´000 Franken dotierten Preis an einen Film aus dem internationalen Wettbewerb. Im Sinne eines auf drei Jahre limitierten Projekts vergab sie einen weiteren mit 5´000 Franken dotierten Spezialpreis der John Templetonstiftung zu „Wissenschaft und Religion“. Nachdem sich die Templetonstiftung aus verschiedenen Gründen entschieden hatte, das Engagement im Dokumentarfilmbereich nicht mehr weiterzuführen, gelang es, die protestantischen Kirchen der Westschweiz (Conference des Eglises Romandes/CER) und die Reformierten Medien Zürich dafür zu gewinnen, einen Teil der verlorenen finanziellen Mittel aufzubringen, so dass auch dieses Jahr zusammen mit der Unterstützung der Katholischen Kirche der Schweiz ein Preisgeld von 5´000 Franken für einen Film aus dem Wettbewerb zur Verfügung stand.

Neu bestand die Jury dieses Jahr, nominiert von SIGNIS und INTERFILM, mit Viviane Borderie (Cannes), Serge Molla (Lausanne), Gisela Blau (Zürich) und Elâ Gurmen (Istanbul) aus je einem katholischen, protestantischen, jüdischen und muslimischen Mitglied. Die einzelnen Jurymitglieder verfügten nicht nur über die nötige filmische Fachkompetenz, sondern brachten auch ein Interesse am interreligiösen Dialog und eine starke Teamfähigkeit mit.

Hans Hodel
Präsident und Jurykoordinator INTERFILM
http://www.inter-film.org

http://www.visionsdureel.ch

Die 15. Ausgabe von „Visions du Réel“ findet vom 23. bis 30. April 2009 statt.