„La maison jaune“ gewinnt Preis der Ökumenischen Jury
Am Filmfestival von Locarno hat mit „La maison jaune“ eine algerisch-französische Produktion den Preis der Ökumenischen Jury gewonnen. Der Film von Amor Hakkar ist ein eindrückliches Porträt einer Berberfamilie, die sich dem Tod ihres Sohnes stellen muss. „La maison jaune“ zeigt die Trauer der Familie, ihre Kraft zur Erneuerung und ihre Hoffnung.
Zum 60. Geburtstag hat das Filmfestival Locarno einen guten, aber auch sehr gegensätzlich programmierten Internationalen Wettbewerb präsentiert. Vom intimistischen Beziehungsdrama über den Politfilm bis zum konventionellen Kostümfilm erstreckte sich die Spannweite. Es war ein Wettbewerb der Extreme, in dem künstlerisch anspruchsvolle Arbeiten wie „Capitaine Achab“ über Melvilles „Moby-Dick“ neben dem Politfilm „Extraordinary Rendition“ über systematisch entführte und gefolterte Opfer des CIA im Kampf gegen den Terrorismus standen. In dieser Spannbreite von Filmen glänzten sowohl Michel Piccolis Darstellung eines poetisch überhöhten Todes unter den Dächern von Paris („Sous les toits de Paris“) als auch die Trauerarbeit des in Frankreich lebenden Berbers Amor Hakkar.
Tod und Trauer als Leitthemen
„La maison jaune“ zeigt eine eindrucksvolle Trauerarbeit im islamischen Kontext. Der Sohn eines Bergbauern stirbt bei einem Unfall. Die Familie ist tief betrübt und der Vater macht sich auf, den Leichnam auf seinem Traktor zurück ins Dorf zu führen. Im ersten Teil ist der Film ein Roadmovie, mit Sinn für die Feinheiten der Erzählung und für den Ritus der Bestattung in einem islamischen Land. Dann wendet sich Regisseur Amor Hakkar der privaten Verarbeitung des Ereignisses zu. Die Mutter hat sich vollständig in ihre Trauer zurückgezogen. Weder das Streichen des Hauses mit gelber Farbe noch die Anschaffung eines Hundes kann sie aus ihrer Depression befreien. Erst als ein Videotape auftaucht, das Bilder ihres Sohnes enthält, wird sie aktiv. Gemeinsam versuchen nun Eltern und Kinder die Hürden der Bürokratie zu überwinden. Es geht um so rudimentäre Dinge, wie ein Fernsehgerät und einen elektrischen Anschluss in ihrem einfachen Haus zu installieren. Mit einem Sinn für die Surrealität des alltäglichen Lebens zeigt der Film die Not der Familie und ihr Potential, zu jedem erdenklichen Problem eine Lösung zu finden. Die Poesie der Landschaft ist ebenso beeindruckend wie die überraschende Naivität des Vaters.
Gemäss der Ökumenischen Jury zeigt der Film „wie Bilder einen Heilungsprozess ermöglichen.“ Weiter begründet die Jury ihren Entscheid mit Werten aus der islamisch geprägten Berber-Kultur: „Die Hoffnung überwiegt die Unbill des Lebens. Mitten in der Trauer um ihren verstorbenen Sohn findet eine algerische Berber-Familie Kraft, Erneuerung, Liebe und Unterstützung innerhalb der Familie und bei allen, denen sie begegnen. Amor Hakkars Film arbeitet sensibel und humorvoll mit poetischen und subtilen Mitteln.“
Der Preis der Ökumenischen Jury ist mit 20´000 Franken dotiert und wird von der römisch-katholischen Kirche und von den reformierten Kirchen der Schweiz gestiftet.
Radikale Schuldverstrickung
Auffallend im Internationalen Wettbewerb war die ausdrückliche Thematisierung der Schuld und ihrer Mechanismen in Beziehungen. Dies trifft auf das katalanische Beziehungsdrama „Lo mejor de mí“ von Roser Aguilar zu. Die Regisseurin erzählt in intimistischem Stil von einer jungen Frau, die die Hälfte ihrer Leber zur Transplantation für ihren kranken Freund hergibt. In „Freigesprochen“ wird die schicksalhafte Beziehung eines Bahnaufsehers und einer jungen Frau durchgespielt, die durch einen Kuss ein Zugsunglück mit 22 Toten verursachen. Der gerichtliche Freispruch entledigt nicht von der existenziellen Schuld und führt in die Tragödie. In „Contre toute espérance“ erkundet der kanadische Regisseur Bernard Émond das Leben eines Paares, dem der Boden unter den Füssen entgleitet. Als Réjeanne, die Hauptfigur, in der Psychiatrie eingeliefert wird, versucht ein Kommissar die Ereignisse zu rekonstruieren. Die radikalste und ästhetisch konsequenteste Umsetzung der Schuldverstrickung zeigte jedoch der japanische Beitrag „Ai no yokan“, der den Goldenen Leoparden gewann. Zu Beginn vermitteln zwei parallel montierte Interviews die Zeugenaussagen eines Mordes: Norikos Tochter hat eine Mitschülerin, die Tochter Junichis, umgebracht. Danach folgt eine grandiose Zurücknahme der Mittel. Ohne Dialog werden der Alltag und die Begegnung der beiden Elternteile ein Jahr später in einer entlegenen Kleinstadt gezeigt. Der Regisseur Masahiro Kobayashi setzt auf die monotone Wiederholung der Routinen und rituellen Alltagshandlungen. In dieser endlosen Repetition wird die kleinste Variation zu einem Zeichen für die mögliche Versöhnung. „Ai no yokan“ bedeutet „eine Ahnung von Liebe“ und spielt auf die versteckten Zeichen an, die zwischen den zutiefst verletzten Individuen ausgetauscht werden.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
| Präsenz der Ökumenischen Jury in Locarno
Neben der Sichtung der 18 Filme im Internationalen Wettbewerb hatte die Jury unter der Leitung des Präsidenten Thomas Kroll auch repräsentative Aufgaben. So zum Beispiel am Ökumenischen Empfang der Kirchen, der zu den wichtigsten Rezeptionen des Festivals gehört. Dieser wurde am 7. August vom Festivalpräsidenten Marco Solari und vom Jury-Koordinator Signis Schweiz, Charles Martig, eröffnet. Von kirchlicher Seite fand am 5. August 2007 auch ein ökumenischer Gottesdienst statt, der von der Ökumenischen Arbeitsgruppe Tessin durchgeführt wurde. Die Meditation zum Verhältnis von Gleichnisbildern und Filmbildern im Kino hielt Daria Pezzoli-Olgiati, Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Zürich. Mitglieder der Jury 2007 waren: Impressionen der Juryarbeit: Ökumenischen Jury in Locarno: Zwischenbericht Locarno: Internationaler Wettbewerb (mit Filmausschnitten, italienisch): Interview mit dem Preisträger Amor Hakkar (swissinfo, französisch): |
