Mary
Ein atheistischer Talkmaster, ein narzistischer Regisseur und eine Schauspielerin, die nicht mehr aus ihrer Rolle findet, das ist die Triade, um die herum Abel Ferrara seinen Film entspinnt. Mary spielt Maria Magdalena in einem Jesusfilm, der die apokryphe Überlieferung zu dieser Jüngerin aufnimmt. Nach Ende der Dreharbeiten bleibt sie im Heiligen Land, zurückgezogen und sinnsuchend. Der Regisseur kehrt zur Promotionstour in die USA zurück, wo er in die Talksendung von Ted Younger kommt. Dieser ist die eigentliche Hauptfigur, ein Karrierist, der mit seiner hochschwangeren Frau in einer Krise steckt. In seinen Sendungen befragt er Wissenschafterinnen und Wissenschafter – die sich selbst spielen – danach, wer Jesus wirklich war.
Anders als beim «Da Vinci Code» geht es hier nicht darum, historische Zufälle oder kirchliche Machtstrukturen zu skandalisieren. Leise wird hinterfragt, warum das so einfache Evangelium eigentlich so schwer ist. Mary wird zur Provokation der westlichen Welt, weil sie ernst macht damit, ihr Leben zu ändern, während der mit News überflutete Alltag Ted Youngers von Gleichgültigkeit geprägt ist. Der Film tippt vieles an und lässt noch mehr offen, so hinterlässt er ein zwiespältiges Gefühl – und löst unerwartet Nachgedanken aus. In Venedig würde er mit dem Preis der katholischen Filmorganisation SIGNIS ausgezeichnet.
Christine Stark, Filmbeauftragte Reformierte Medien
christine.stark@ref.ch
«Mary», USA / I / F 2005, Regie: Abel Ferrara, Darsteller: Juliette Binoche, Forrest Whitaker, Matthew Modine, Heather Graham; Verleih: Frenetic Films, Internet: http://www.frenetic.ch
