Verbotener Film gewinnt

Am 12. August ist das 53. Internationale Filmfestival Locarno zu Ende gegangen. Der Film „Baba“ („Vater“) des chinesischen Schriftstellers und Regisseurs Wang Shuo gewann den Goldenen Leoparden des Festivals und auch den Preis der Ökumenischen Jury der Kirchen. Die Verleihung des Publikumspreises wurde vom Publikum nicht goutiert.

Den Goldenen Leoparden gewann der Film „Baba“ („Vater“) von Wang Shuo. Es ist der erste Film des 42-jährigen chinesischen Schriftstellers. Seit seiner Fertigstellung 1996 ist der Film in China verboten. Die einzige Kopie konnte jetzt in Locarno als Überraschungsfilm gezeigt werden. „Baba“ erhielt auch den Preis der Ökumenischen Jury. Ihre diesjährigen Mitglieder waren Ivan Corbisier (Belgien), Christopher Deasy (England), Ylva Liljeholm (Schweden), Waltraud Verlaguet (Frankreich), Dalmazio Ambrosioni (Schweiz) und Peter Hasenberg (Deutschland, Präsident der Jury). Bewusst verzichtete die Jury auf die Ausrichtung von Spezialpreisen. Statt dessen konzentrierte sie sich auf eine Würdigung des Preisträgers mit einer zusammenfassenden Begründung: „Die im Film dargestellte Vater-Sohn-Beziehung hat eine universale Dimension und ist eine Metapher für alle relationalen Konflikte zwischen Individuum und sozialen und politischen Autoritäten. Das Verlangen nach Menschenrechten und Freiheit stösst auf die Anmassung des Vaters, der bildhaft alle Institutionen verkörpert, die zu beanspruchen wissen, was für den Einzelnen gut ist. Indem der Vater sich am Ende für den Sohn opfert und damit seinen Autoritätsanspruch aufgibt, eröffnet er diesem die Möglichkeit, in vollem Sinn erwachsen zu werden.“
Ob der Film je in die Schweizer Kinos kommt, ist trotz seiner Qualität fraglich.

Der Liebling wurde ausgebuht

Regelmässige Besucher des Filmfestivals von Locarno haben sich daran gewöhnt: Wenn auf der Leinwand die UBS als Sponsor aufscheint, gibt es in einem bestimmten Sektor auf der Piazza Grande ein kurzes Pfeifkonzert. Neu war, dass bei der Überreichung des mit 15´000 Franken dotierten Publikumspreises der UBS als Verleihförderung an den Film „Hollow Man“ von Paul Verhoeven das Publikum sogar lautstark buhte. Viele mochten nicht recht glauben, dass dieser Film dem Publikumsgeschmack am besten entsprechen soll.

Manche haben mit ihren Buhrufen wohl auch ihrer Unzufriedenheit über das diesjährige Piazzaprogramm Ausdruck gegeben, das zuviel Gewalt auf der Leinwand zeigte. Das Publikum von Locarno bevorzugt sensible Geschichten, wie sie im Film „Xilu Xiang“ („Little Cheung“) von Fruit Chan aus Hongkong (ausgezeichnet mit einem Silbernen Leoparden) oder in „Mua Oi“ („The Season of Guavas“) von Dang Nhat Minh aus Vietnam vorkommen.

Viel und gegensätzlich

Die Vielfalt und Gegensätzlichkeit des Wettbewerbsprogramms war gross: 18 Filme aus 15 Ländern, die dazu beitragen sollten, sich ein besseres Bild von der Suche nach neuen kinematographischen Ausdrucksmöglichkeiten zu machen; Erstlings- und Zweitwerke; Regisseure aus neuen aufstrebenden Filmländern; Protagonisten des Neuen Films, weit entfernt vom kommerziellen Kino. Viele Festivalbesucher waren vor allem in der ersten Hälfte des Festivals vom Wettbewerbsprogramm enttäuscht. Doch für den überraschend zurücktretenden Festivaldirektor Marco Müller war es die „beste Ausgabe des Jahrzehnts“.

Hans Hodel
Filmbeauftragter des Evangelischen Mediendienstes