Silent Bob im katholischen Glaubensdschungel „Dogma“
Silent Bob ist eine seltsame Gestalt. Der schweigsame Kerl in „Dogma“ (USA 1999) ist ein bärtiger Prophet aus New Jersey, der die Aufgabe übernimmt, die letzte Verwandte von Jesus vor dämonischen Angriffen zu schützen und auch bei widerspenstigen Engeln zwischendurch Hand anzulegen. Ein stämmiger Bursche, der am liebsten seine Fäuste sprechen lässt und umgekehrt proportional dazu praktisch keine Worte von sich gibt: das ist Silent Bob alias Kevin Smith in seiner Lieblingsrolle vor der Kamera. Als Regisseur liebt er das irrwitzig Skurrile und in dieser Rolle spiegelt sich sein satirisches Paradoxon. Er liebt das Geschwätz, die aberwitzigen Dialoge seiner verdrehten Figuren und tritt als Schauspieler nur schweigend auf.
Kevin Smith gilt als einer der interessantesten Newcomer der Independent-Szene. Mit seiner „New-Jersey-Trilogie“ ist er bekannt und berüchtigt geworden. Dass die überspitzte Banalität des Alltags weitaus witzigere Resultate zustande bringen kann als jede Konstruktion, hat er in „Clerks – Die Ladenhüter“ 1994 bewiesen. Weitgehend auf einen Schauplatz begrenzt und ohne Handlung im herkömmlichen Sinn, entfaltete Smith in seinem lowbudget Kinoerstling einen erstaunlichen Rhythmus, wartete mit einem schier unerschöpflichen Potential an skurrilen Figuren absurden Situationen und schrägen Dialogen auf. Gerade weil die Verrücktheiten so selbstverständlich erscheinen, wirkt „Clerks“ wie eine kleine Sammlung des ganz gewöhnlichen Wahnsinns. Mit einem grösseren Budget ausgestattet realisierte Smith 1995 „Mall Rats“ im Hollywood System. Der Bilderreigen des geliebten Einkaufszentrums als Lebens- und Konsumort war ein kommerzieller Misserfolg – trotz anarchischer Scherznote im Genre des Teeniefilms. „Chasing Amy“ (USA 1996) kehrte zurück in die vertrauten Gefilde des Independent-Films. Die Liebeskomödie spielte die möglichen Beziehungskonstellationen in aller Konsequenz durch, ohne dabei Patentlösungen zu fabrizieren. Bei „Chasing Amy“ bleiben die brillanten Dialoge in Erinnerung. Was es übrigens mit dem Titel auf sich hat, verrät Regisseur Smith in einem irrwitzigen Auftritt wiederum als Silent Bob gegen Ende des Erzählung.
Die Filme der Trilogie gehören zum Genre der Slacker-Filme; benannt nach dem stilbildenden Film „Slackers – Herumtreiber“ (USA 1989) von Richard Linklater. In ihnen geht es um Jugendliche oder junge Erwachsene, die auf der Suche nach dem Platz in ihrem Leben sind, diesen jedoch nicht gefunden haben und in endlosen Gesprächen über Gott und die Welt ihre sexuellen Probleme kompensieren. In der langweiligen Endlosschlaufe treiben sie sich gegenseitig in den existentiellen Wahnsinn. Formal bauen die Slacker-Filme auf überbordende Dialoge und lange Einstellungen sowie auf die Inszenierung der Langeweile in einer satirischen Erzählperspektive.
Kevin Smith zelebriert auch in „Dogma“ die Rückkehr zum langfädigen und komplizierten Dialog, verlässt nun aber die realistische Ebene und begibt sich in das Genre der satirischen Fanatasy. Die slackers sind nun zwei vertriebene Racheengel – Loki und Bartleby in der Starbesetzung von Matt Damon und Ben Affleck – die dazu verdammt sind fern von Gott, im mittleren Westen der USA, ihr Dasein zu fristen. Sie treiben ziellos herum weil sie nicht mehr nach Hause dürfen. Die religiösen Bezüge, die in früheren Filmen auf Nebenlinien geführt sind, treten nun in den Vordergrund und werden mit dem Stilmittel der Satire gebrochen.
„Dogma“ gibt sich theolgisch gelehrt und geschwätzig versiert. Ausgehend von den Diskussionen über das Geschlecht der Engel in der mittelalterlichen Scholastik beleuchtet Smith die anatomische Seite dieser Frage und gleitet kurzerhand unter die Gürtellinie des Seraphen Metatron, der damit seine sexuelle Unbedarftheit ausweist, als er im Schlafzimmer der erschrockenen Bethany erscheint. Metatron gibt sich als die Stimme Gottes zu erkennen, nachdem seine flammende Erscheinung kurzerhand dem Feuerlöscher von Bethany (Linda Fiorentino) zum Opfer gefallen ist. Die Stimme Gottes spricht natürlich britisches Englisch – wie könnte es anders sein – und hat im Schauspieler Alan Rickman die ultimative Besetzung gefunden. Der hochwürdige Engel aus dem Thronsaal Gottes schwingt seine Flügel und kann trotzdem nicht verbergen, dass sein Tequilla-Laster ihn zum anonymen Alkoholiker auf Erden macht. Jeder, der einen Charlton-Heston Film gesehen habe, halte sich schon für einen Theologen, klagt der Verkündigungsengel Metatron über den Mangel an theologischem Wissen, den auch Kevin Smiths Film nicht aufhebt, sondern in weiteren aberwitzigen Figurenkonstellationen vorantreibt.
„Dogma“ ist aufs Ganze gesehen ästhetisch misslungen und eignet sich deshalb für eine genauere Lektüre. Smith versucht einen Unterhaltungsfilm zu realisieren, der jedoch immer dann an den Klippen der Dramaturgie hängen bleibt, wenn sich religiöse und existentielle Abgründe auftun und theologische Diskurse mit grosser Ernsthaftigkeit aufgenommen werden. Spätestens in den Schlusssequenzen traut der ungläubige Zuschauer seinen Augen nicht mehr: Nach dem Ausbruch der Endzeitschlacht und dem Massaker vor der Kathedrale, das von den beiden Racheengeln aus eigennützigen Motiven verursacht wurde, taucht in letzter Minute doch noch Gott in der Gestalt einer Frau auf (Alanis Morisette), um alles zum Guten zu wenden. Die gute Fee ist schweigende Göttin, verspieltes Kind und stimmgewaltige Zerstörerin in einer Figur. Das happy-end ist derart überraschend und versöhnlich ausgefallen, dass die Satire klein beigeben muss. Hier lässt Kevin Smith trotz dem heilenden Ende einiges an offenen Fragen zurück, insbesondere nach der Qualität der satirischen Erzählperspektive.
Die Satire auf den Jesusfilm hat die Monty-Python-Truppe in „The Life of Brian“ sehr viel besser inszeniert, mit Rhythmus und Witz durchkomponiert sowie den eigenen Standpunkt wiederum lächerlich gemacht. Die profunde Skepsis gegenüber politisch-kulturellen Institutionen und die provokative Attacke hat Herbert Achternbusch bereits formvollendet in „Das Gespenst“ vorgeführt und ist in dieser Hinsicht kaum zu übertreffen. Sowohl Monty Python als auch Achternbusch haben durch ihre Konsequenz überzeugt. Smith bleibt jedoch dem Slacker-Genre treu und versucht die religiöse Satire in skurrilen, überdrehten Witz zu überführen, der immer wieder an entscheidende Fragen des Lebens heranführt und diese gleich darauf in der satirischen Fantasy bricht. Sein Versuch, die Spannung zwischen Satire und Diskurs offenzuhalten, kippt in eine Doppeldeutigkeit, die für die Auseinandersetzung sehr interessant ist. „Dogma“ ist mehr als ein irrwitziges Sammelsurium von billigen Gags, die auf den Blasphemie-Reflex von schockierten Frommen zielt. Vielmehr liesse sich mit dem Johannes-Prolog für die Slacker-Filme ein Vorspann herstellen, der mehrfach gebrochen die theologische Formel „Am Anfang war das Wort…“ aufnimmt: Das geschwätzige Wort, der überdrehte Dialog, der aberwitzige Versuch, die Welt über das gesprochene Wort unter Kontrolle zu bringen – was natürlich in der Welt der slackers niemals gelingt und deshalb nach der satirischen Brechung ruft.
Kevin Smith ist ein Mann des Wortes. In seinem Gestaltungswillen als Wortkünstler ist er durchwegs konsequent und schafft es sogar im phantastischen Genre – das sich primär über Bilder vermittelt – dialoglastige Sequenzen einzubauen, die das ganze Erzählkonstrukt zum Einstürzen bringen könnten. Der derbe Witz wider alle political correctness, der die europäischen Kinos spätestens mit „There´s Something about Mary“ von Bobby Farrelly erreicht hat und nun auch in „Dogma“ präsent ist, spitzt die Lage weiter zu. Dass der überdrehte Fantasy-Streifen trotzdem zu einem guten Ende kommt, wirkt wie ein kleines Wunder. In Hochform gerät Kevin Smith dort, wo er Szenen als Comic stilisiert und die Personen ihre Dialoge als Sprechblasen mit sich herumtragen. Hier ist er im Element der reduzierten Bilder, in dem er seine Leidenschaft als paradoxer Bob Silent ausleben kann: wer quasselt kann unmöglich tot sein und wer schweigt ist selber Schuld. In diesem Sinne ist Bob Silent eine tragische Figur, die sich in den katholischen Dschungel der Dogmadiskussion verirrt hat; aber auch eine fröhliche Figur, die sich auf der Metaebene als Drehbuchautor und Regisseur für diese Tragik mit herzhafter Satire rächt.
Was von „Dogma“ bleibt sind die fabelhaften Film-im-Film-Zitate – etwa die geschwätzige Killer-Szene aus „Pulp Fiction“ gespiegelt im Massaker des Verwaltungsrates vom Goldenen Kalb. Was bleibt ist der unverschämte Kommentar zum Unfehlbarkeitsdogma und zum Ablasshandel in der katholischen Kirche. Was bleibt ist der konsequente Versuch, dem irrwitzigen Dialog im Film wieder zu seinem wohlverdienten Recht zu verhelfen. Der unverschämte life-style der slackers geht mit „Dogma“ in die cineastische Verlängerung.
Charles Martig
Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
Der Text erschien im „film-dienst“ 8/2000: film-dienst.kim-info.de/
