Zwischen Konkurrenz und Monopol – Schweizer Nachrichtensendungen
Seit der Einstellung des Schweizer Programmfensters von RTL/Pro7 und der news um 7 von TV3 (siehe Kasten) hat sich die Produkte-Palette von Schweizer Nachrichtensendungen massiv reduziert. Die einzige nationale Alternative zur Tagesschau bietet Tele 24 mit Swiss News an. Schon der Name macht ein von der Tagesschau elementar verschiedenes Selbstverständnis deutlich und lässt erahnen, dass sich die Konzeption von Mitteilenswertem ebenfalls unterscheidet: nicht länger nüchterne Nachrichten, sondern packende news.
Im Folgenden sollen anhand einer Gegenüberstellung der Ausgabe einer jeden Sendung vom selben Tag (Tagesschau und Swiss News vom 14. März 2000) grundlegende Übereinstimmungen und Unterschiede demonstriert werden. Verglichen werden die Auswahl der Themen sowie augenfällige formale und stilistische Eigenheiten.
Vorab muss man betonen, dass sowohl die Tagesschau als auch Swiss News in ergänzende Formate von SF DRS bzw. Tele 24 eingebunden sind. Das bedeutet, dass einzelne Themen aus dem Nachrichten-Gefäss zur prime time ausgelagert und von einem der ergänzenden aufgenommen werden: Bei SF DRS sind dies Schweiz aktuell und 10 vor 10, bei Tele 24 Swiss Info und Money.
Am zufälligen Stichtag umfasste die Themenpalette der Tagesschau in 22 Minuten 15 Ereignisse, deren zehn sind zur Rubrik „Inland“ zu zählen, diejenige von Swiss News in vierzehneinhalb Minuten elf Ereignisse, davon sind acht unter der Rubrik „Inland“ zu subsumieren. Drei Themenkomplexe wurden von beiden Sendungen ausgewählt: Blochers neuerliche Verbal-Attacken gegen die SP mit Vorwürfen nationalsozialistischer Tendenzen, die vom Nationalrat beschlossene Gesetzesänderung, die Schweizer Soldaten bei einem Friedenseinsatz im Ausland eine zum Selbstschutz ausreichende Bewaffnung zubilligt, und die Bekanntgabe eines Rekordgewinnes durch die Crédit Suisse im vergangenen Geschäftsjahr. Die beiden Sendungen widmeten diesen Themen aber unterschiedlich viel Zeit: Die Tagesschau bedachte sie jeweils mit einer ausführlichen Aufbereitung, die Selbstschutz-Bewaffnung gar mit annähernd sechs Minuten. Die analoge Berichterstattung von Tele 24 liegt in einem Spektrum zwischen 23 Sekunden (CS) und 2,5 Minuten (Selbstschutz-Bewaffnung).
Davon abgesehen wurden von beiden Seiten Beiträge zu verschiedenen Themen produziert. Die Tagesschau fokussierte mit einem zeitlichen Aufwand zwischen 21 Sekunden und 2,1 Minuten die Solidaritätsstiftung, die nationalrätlichen Massnahmen zum Bahnlärm-Schutz, die Flüchtlingshilfe, die verzögerte Fusion von Aluminium Péchiney, Alcan und algroup, die geforderte Sistierung des Transportes von Brennstäben, das 2. Weltwasser-Forum in Den Haag, die Kandidatur Horst Köhlers für den Chefposten des IWF, die Bankenfusion in Japan, die Abschiebung des einstigen SS-Waffen-Mitglieds Ferdinand Hammer aus den USA, drei bei Warschau entlaufene Tiger und das Filmfestival Freiburg. Demgegenüber thematisierte Swiss News in einer Dauer von 18 Sekunden bis 2,7 Minuten die angebliche Verstrickung des Lega-Chefs Giuliano Bignasca in einen Bordellbetrieb, den Häftlingsstreik in der Strafanstalt Thorberg, den Rücktritt des Trainers des Schweizer Ski-Nachwuchses, die Sprengung eines Drogenringes an der slowakischen Grenze, das Katastrophengebiet Moçambique, den Brand in einem deutschen Asylantenheim, den Millionenschaden in der Folge eines Dachstockbrandes in Bern sowie die Strafuntersuchung gegen den Ex-Botschafter der Schweiz in Kroatien.
Informative Nachrichten und spannende News
Offenkundig akzentuiert die Tagesschau in thematischer Hinsicht strukturelle Wissensvermittlung wie die Arbeit der Legislative oder wirtschaftliche Entwicklungen, die in sich undramatisch sind. Swiss News hingegen gestaltet vorzugsweise Konfliktsituationen, Normverstösse und Katastrophen dramaturgisch. Gleichwohl scheut sich auch die Tagesschau nicht, Bildmaterial zu verwenden, das deutlich zeigt, wie ein Tierarzt bei dem Versuch, eines ausgerissenen Tigers habhaft zu werden, versehentlich durch eine Polizeikugel getötet wird. Bedeutsam ist der Umstand, dass Swiss News prinzipiell direkt Betroffenen oder „Leuten von der Strasse“ die Gelegenheit gewährt, ihre Meinung kundzutun (so geschehen bei den Beiträgen zu Bignasca und dem Häftlingsstreik). Anders die Tagesschau, die eine Plattform für PolitikerInnen, VertreterInnen von Organisationen und Expertenkulturen bleibt.
Stilistische Unterschiede
Parallel versuchen sich Swiss News und Tagesschau über stilistische Präferenzen zu profilieren. Eigenwillig ist das konsequente Festhalten von Tele 24 an der im Lokalfernsehen üblichen Mundart, ob Zürcher oder Walliser Dialekt, bei Moderation, Kommentar und Interviews. Dies führt zum bemerkenswerten Begleitphänomen, dass bei Politgrössen wie Bundespräsident Adolf Ogi der Amts-Habitus bröckelt, weil sich der Interviewte mit der Mundart eines salopperen Jargons bei der Erläuterung von Gesetzeserlassen bedient. Lediglich Swiss News greift auf das Mittel des voice-under zurück, bei dem eine von der Moderatorin verlesene Meldung allmählich von (Archiv-)Bildern begleitet wird. Die auktoriale Stimme aus dem off, ob weiblich oder männlich stets sonor und souverän, verleiht der Tagesschau eine Aura der distanzierten Professionalität; bloss das abschliessende Kuriosum wird in Anekdotenform mit einem Augenzwinkern serviert. Demgegenüber fördert Swiss News auf optischer und akustischer Ebene – durch Aufnahmen versteckter Kameras, umgangssprachliche Formulierungen und das ans Publikum adressierte Einblenden der Autorin am Ende des Berichts – den Eindruck persönlicher Unmittelbarkeit.
Diese Skizze einer Gegenüberstellung der Hauptnachrichten-Formate Tagesschau und Swiss News vergegenwärtigt ohne Wertung die jeweiligen markanten Eigenarten. Es wird offensichtlich, dass es sich um zwei eigenständige Erzeugnisse handelt, die je spezifische Bedürfnisse zu befriedigen vermögen. Zwei Produkte stellen die Rezipientenschaft nicht vor eine Auswahl, wohl aber vor die Wahl.
Andreas Maurer
Der Autor studiert Publizistik an der Universität Zürich
| TV3-news und RTL/Pro 7: Aus nach sieben Monaten
Am 5. Oktober 1998 startete Tele 24 als erster Schweizer Fernsehveranstalter mit einem privaten Programm auf sprachregional-nationaler Ebene. Am 15. März 1999 erhielten TV3 sowie das Gemeinschaftsfenster RTL/Pro Sieben vom Bundesrat die Konzession; im Herbst desselben Jahres gingen sie auf Sendung. Als Konsequenz der Sprengung des SRG-Monopols entstand so auch bei den Nachrichtensendungen zu Hauptsendezeit eine Konkurrenz-Konstellation: Neben der Tagesschau von Schweizer Fernsehen DRS gab es nun auch die Swiss News von Tele 24, die news um 7 auf TV3 sowie EXPRESS (im Rahmen des Schweizer Sendefensters von RTL/Pro Sieben). News um 7 und das Programmfenster RTL/PRO7 verfehlten die angestrebten Einschaltquoten beziehungsweise Marktanteile bei weitem und wurden kurzerhand abgesetzt: Am 17. März stellte TV3 seine Nachrichtensendung per sofort ein, am 24. März beendete RTL/Pro Sieben den Betrieb des Schweizer Fensters – insgesamt 108 Personen wurden entlassen. |
