Eine Synagoge zwischen Tal und Hügel
War in den letzten Jahren von den Juden in der Schweiz fast ausschliesslich im Zusammenhang mit dem Holocaust die Rede, so erzählt Franz Rickenbachs herausragender Dokumentarfilm „Eine Synagoge zwischen Tal und Hügel“ vom berührenden Niedergang einer jüdischen Gemeinde und ihrem letzten Rest Leben. Ein liebevoller Blick auf ein Stück schweizerischer Alltagsgeschichte, in dem sich jüdische Existenz symbolträchtig spiegelt und zum allgemeingültigen Gleichnis für Vergänglichkeit und Neubeginn wird.
Über sieben Jahre hat der Filmautor die kleine jüdische Gemeinde im jurassischen Delsberg im Blick gehabt. Er zeigt ein Gebäude, die im klassischen Stil vor 100 Jahren erbaute und seit Jahren ungenutzte Synagoge, die langsam zerbröckelt. Er interessiert sich für die letzten Mitglieder dieser Gemeinde. Diese erinnern sich an die Zeit ihrer Eltern und Grosseltern, die eine bedeutende Rolle in der damaligen Gesellschaft gespielt haben, meistens als Geschäftsleute oder Viehhändler. Zahlreiche alte Aufnahmen machen das erinnernde Erzählen lebendig. Mithin schweift Franz Rickenbach ab in die jüdische Kultur der jurassischen Nachbarschaft, geht beispielsweise auf den Friedhof in Hangenthal, auf dem sich lange auch in der Schweiz ansässige Juden beerdigen lassen mussten, und zeigt die grosse Synagoge in Hagenthal, heute eine Ruine wie viele andere ehemalige Synagogen im Elsass.
Zehn erwachsene Männer müssen zusammen sein, damit ein jüdischer Gottesdienst gefeiert werden kann. Als Franz Rickenbach zusammen mit Pio Corradi an der 35mm-Kamera die Dreharbeiten begann, zählte die jüdische Gemeinde von Delémont nur noch sieben Mitglieder, fünf Frauen, zwei Männer. Die Familien der Lévy, Sommer und Meyer brachten alle „nur“ Töchter zur Welt, wie der im Mittelpunkt stehende Gemeindevorsteher Robert Lévy, von Beruf Ingenieur mit einem Faible für schnelle Autos, sowohl bedauernd wie belustigt feststellt. Und diese Töchter zogen weg und tragen die Tradition zum Beispiel in den jüdischen Gemeinden Biel und Lausanne weiter. In der Zeit der Dreharbeiten sind zwei der sieben Gemeindemitglieder gestorben, davon auch Trudy Meyer, die Witwe des Näh- und Strickwarenhändlers Edmond Meyer, die in einer der bewegendsten Szenen des Films in ihrer Wohnung mit Würde und grosser Andacht die Sabbat-Kerze anzündet.
Hans Hodel
Filmbeauftragter Evangelischer Mediendienst
„Eine Synagoge zwischen Tal und Hügel“ ist in Zürich bereits angelaufen. In den nächsten Wochen und Monaten wird er in verschiedenen Schweizer Städten zu sehen sein.
