Virus: Das „geile“ Jugendradio, das alt macht

„Virus“ heisst das jüngste Kind aus dem Hause SRG, ein Radio von Jugendlichen für Jugendliche. Und weil Virus die Dinge gerne beim Namen nennt, hat sich das „Radio neuste Generation“ gleich zur „Oldie-Freien-Zone“ erklärt. Mit Oldies sind in diesem Fall alle über 25jährigen gemeint. Der Autor hat sich in die für ihn verbotene Zone vorgewagt.

Seit drei Monaten ist Virus auf Sendung. Mit knackigen Werbesprüchen wie „Usschalte isch zwäcklos“ oder „Weck mich am Ohr“ versucht Virus die jugendliche HörerInnenschaft zu befallen. Und dies scheint ihm – gemäss eigenen Angaben – auch zu gelingen: Einer telefonischen Umfrage zufolge zählte Virus in den ersten zwei Monaten nach Sendestart insgesamt 170´000 Hörerinnen und Hörer.

Dieser selbst eruierte Erfolg darf über eines nicht hinweg täuschen: Virus ist ein digitales Radio, gemacht von Jugendlichen für Jugendliche – mehr nicht. Die Verantwortlichen der SRG SSR idée suisse haben zu viel versprochen, als sie sagten, Virus werde das erste Lifestyle-Multimedia-Radio in der Schweiz. Mit Multimedia waren nicht bloss die unterschiedlichen Verbreitungskanäle gemeint, sondern das Ineinander von Ton, Text und Bild. In diesem Punkt kommt Virus nicht über bereits Bestehendes hinaus, und so hält sich auch der angepriesene ohrgastisch-interaktive Datenverkehr auf den Leitungen zwischen dem Studio in Basel und den Hardwareeinheiten der Hörerinnen und Hörer in engen Grenzen.

Ohne Empfangsgarantie

Im ätherischen Frequenzensalat sucht man (noch) vergeblich nach Virus. Virus ist ein Sender ohne Empfangsgarantie. Virus wird von der SRG dazu gebraucht, die digitale Verbreitungstechnik DAB (Digital Audio Broadcasting) in der Schweiz zu lancieren. Noch ist aber das Empfangsgebiet und vor allem das Angebot an Empfangsgeräten äusserst beschränkt. Auch die Verbreitung über Kabel ist, will man die mobile Jugend von heute erreichen, nur eine Notlösung, geschweige denn der Satellitenempfang. Ein noch grösseres Handicap hängt dem hoch gepriesenen Internet-Live-Stream an. Hand aufs Herz: Wer leistet sich den Luxus, stundenlang online zu sein und ein Radio aus den billigen Computer-Lautsprecher anzuhören, das mit seinem „knalligen Sound, den fetten Bässen, harten Riffs und Vibes“ eigentlich für Boxen mit Mega-Bass bestimmt ist? Verbreitungsart hin oder her: Der schreibende Oldie wollte eine Hörprobe entscheiden lassen, ob Virus wenigstens mit seinem Sendeinhalt für diese technischen Widrigkeiten entschädigt.

Ohne Hörerkontakt dem Selbstmord nahe

Virus will originell und neu sein. Neu ist unbestritten das Musikprofil: Bei Virus hat die Musik Vortritt, und diese besteht aus konsequent jungen Tönen. Wenig überzeugen konnten hingegen die Moderationen. Steckt die Novität von Virus darin, dass endlich auch am Radio alles ohne schlechtes Gewissen „geil“ sein darf? Oder ist es originell, wenn der Moderator mehrfach verkündet, er stehe kurz vor dem Selbstmord, weil der erste Anrufer in der Nachmittags-Show auf sich warten lässt? Die „ehrliche und klare Sprache“ der Moderatorschaft hat sich auch in den Wetteraussichten niedergeschlagen: Einen ganzen Nachmittag lang darf es schlicht „arschkalt“ sein.

Aber schliesslich waren es auch die technischen (und nicht die inhaltlichen) Faktoren, die Virus im Januar 2000 den „Prix Innovateur“ und damit Fr. 10´000 in die Produktionskasse einbrachte – von der SRG SSR idée suisse selber nota bene. Die „Innovation“ wurde Virus, dem ersten „Radio für die erste echte Multimediageneration in der Schweiz“, aufgrund der verschiedenen Verbreitungskanäle, der Interaktivität und der Visualität bei der Programmgestaltung attestiert.

Doch noch einmal zurück zur Hörprobe: Für den Oldie stand die sonntagnachmittägliche Virus-Game-Show „Eggson Waldez“ mit Moderator „Born“ (Reim-Motto: „Schlofä chasch Morn“) in diametralem Gegensatz zum Virus-Slogan „Weck mich am Ohr!“. Für die zwei bis drei Spielrunden pro Sendestunde, in denen jeweils drei banale Fragen mehr oder weniger vom Moderator selber beantwortetet wurden, darf der Begriff „Interaktivität“ wirklich nicht bemüht werden. Aber immerhin blieb die gewonnene Virus-Mütze nach dem Urteil der Hörerin „geil“.

Zur Erinnerung: Bei Virus gilt der Grundsatz: Die Musik hat Vortritt. Diesen Grundsatz zu befolgen, wäre nicht nur an diesem Nachmittag mehrfach angebracht gewesen. Dann hätte der Moderator dem Oldie wohl weniger Anlass gegeben, wieder auf jenen Sender zu wechseln, mit dem sich Virus in Sachen multimedialer Interaktivität gerne messen würde: SWR 3.

Matthias Müller (27)
Der Autor, Theologe und Journalist, ist zurzeit Praktikant bei komRadio