Mitfeiern hat Tradition

Vor 50 Jahren strahlte das Schweizer Fernsehen die erste katholische und reformierte Live-Übertragung eines Gottesdienstes aus. Damals gab es in beiden Kirchen skeptische Stimmen – heute gehören die Gottesdienstübertragungen zum Fernsehalltag. Der reformierte Fernsehbeauftragte Martin Peier über „seine“ Fernsehgemeinde, seine Zukunftswünsche und das Jubiläumsprogramm.

Die Gottesdienstübertragungen erfreuen sich laut SF DRS einer „treuen Fernsehgemeinde“. Wie sieht die reformierte Fernsehgemeinde aus? Kommen Sie in Kontakt mit den Zuschauern?
Direkte, persönliche Kontakte sind in der Regel selten. Aber seit etwa eineinhalb Jahren nehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Dargebotenen Hand in Zürich und in St. Gallen Zuschaueranrufe entgegen. Etwa 40´000 Zuschauer machen die „treue Fernsehgemeinde“ aus. Und etwa nochmals so viele schauen manchmal oder zufällig. Die „Gemeinde“ ist also eine uneinheitliche. Und dennoch: die Zuschauenden sind an Glaubensfragen interessiert, suchen nach Orientierung, wünschen etwas Unterhaltsames und möchten teilhaben an dem, was am Bildschirm geschieht. Manche von ihnen können selbst nicht (mehr) zum Gottesdienst gehen und finden in der Sendung einen „Ersatz“ dafür.

Wie geht man heute mit der Frage um, dass man den Gottesdienst vor dem Bildschirm mitverfolgen kann, eine aktive Teilnahme (z.B. am Abendmahl) dennoch ausgeschlossen bleibt? Geht nicht trotz Live-Übertragung beim Fernsehgottesdienst etwas Wesentliches verloren?

Das Mitfeiern bei medial übertragenen Gottesdiensten geschieht auf unterschiedliche Art. Bei Liedern singen etliche Leute mit; deshalb werden die Liedtexte auch eingeblendet. Bei den Gebeten beten die meisten Zuschauenden mit. Beim Feiern des Abendmahles laden wir als Reformierte die Zuschauenden ein, sich selbst auch Brot und etwas zu Trinken zu holen und so mitzufeiern. Diese „Tradition“ kennt man in unserer Kirche, seitdem Gottesdienste in die Zimmer von Alters- und Pflegeheimen übertragen werden. Die Echos auf dieses Mitfeiern sind überwältigend positiv, auch von Mitgliedern anderer Konfessionen. Gleichwohl ist die Live-Übertragung kein Ersatz für die Gottesdienste vor Ort, sie bleibt örtlich getrennt und gemeinschaftlich isoliert.

Werden sich die Gottesdienstübertragungen in Zukunft stark verändern? Wie könnten Gottesdienstübertragungen in zehn, zwanzig Jahren aussehen?

Die Gottesdienste sollen den Zuschauenden Orientierung geben und am Geschehen von Gott und Gemeinde teilzunehmen. Das wird sich nicht ändern. Bei jedem Gottesdienst wird zu beantworten sein, wem der Gottesdienst gilt, wozu er dienen soll und mit welchem Ziel er gefeiert wird. Wenn in zwanzig Jahren Gottesdienste ausgestrahlt werden, so werden sie die dann möglichen Technologien ebenso einbeziehen wie andere Sendungen auch. Gottesdienste am Fernsehen sind eben nicht einfach Gottesdienste, sondern Sendungen im Medium Fernsehen.

Was sind Ihre Zukunfts- oder Geburtstagswünsche zum 50-jährigen Jubiläum der Fernsehgottesdienst-Übertragungen?

Ich wünsche den Zuschauenden weiterhin auferbauende, wohltuende und ermutigende Übertragungen, den Gemeinden und ihren Sprechenden treffende und berührende Worte und den Sendern weiterhin solch engagierte Leute, wie sie jetzt schon zur Verfügung stehen.

Wie wird das Jubiläum 50 Jahre Gottesdienstübertragung auf SF1 am 28. November gefeiert?

Der reformierte Gottesdienst wird aus Kilchberg übertragen, wo bereits vor 50 Jahren der Gottesdienst für die Fernsehübertragung gestaltet worden ist. Dabei wird es um die Fragen nach den Bildern gehen, die Bilderflut, die in den vergangenen 50 Jahren entstanden ist und um die inneren Bilder, denen Menschen vertrauen können. Es ist erster Advent, auch ein Bild, das zwischen inneren Bildern und medialer Bilderflut hin- und hergerissen wird.

Die Fragen stellte Monica Lienin, Redaktorin Medientipp
monica.lienin@medientipp.ch
 
 

50 Jahre Gottesdienstübertragungen auf SF DRS
Am 31. Oktober 1954 wurde der erste katholische Gottesdienst aus Zürich live übertragen. Vier Wochen später, am 28. November 1954, kam der erste reformierte Gottesdienst aus Kilchberg ZH. 50 Jahre später wird ein Jubiläumsgottesdienst wiederum aus Kilchberg in „Sternstunde Religion“ live ausgestrahlt:

Sonntag, 28. November:
10.00 Uhr: Ev.-ref. Gottesdienst aus Kilchberg „Innere Bilder bewegen“
10.45 Uhr: Nachgefragt: Gedanken zum Reformierten Gottesdienst

Link:
Blumen für die Fernsehcrew! – Der katholische Fernsehbeauftragte Willi Anderau zum Jubiläum der Gottesdienstübertragung
https://www.medientipp.ch/index.php?na=4,4&meid=33495