Der Grenzgänger vom Leutschenbach tritt zurück
Erwin Koller hat in einer langen Fernsehkarriere die Behandlung und den Platz des Themas Religion bei SF DRS geprägt. Ende 2002 wird er pensioniert.
24 Jahre lang hat Erwin Koller die Redaktion Religion beim Schweizer Fernsehen DRS geleitet. Rund drei Jahrzehnte fernsehpublizistische Arbeit liegen zum Zeitpunkt seiner Pensionierung am 31. Dezember hinter ihm. Religion ist das Thema, das sich als roter Faden lückenlos durch seine Fernsehkarriere zieht. Anfangs gehörten Dokumentarfilme und Gesprächssendungen mit dazu, zwischendurch einmal Musik und Ballett, und seit einigen Jahren sind in der Redaktion „Sternstunden“ die Themen Religion, Philosophie und Kunst vereint.
Mit dem samstäglichen „Wort zum Sonntag“ produziert Erwin Koller eine religiöse Sendung, die mit rund 700´000 Zuschauenden zu den meist gesehenen überhaupt zählt. Sonst aber hatte er selten mit Quotenrennern zu tun. Seine Sendungen gehören zu den Minderheitenprogrammen. Fernsehen ist ein Boulevardmedium. Es sucht vorzugsweise unterhaltende Stoffe, verarbeitet seine Themen zu Storys, fokussiert sie auf Personen, vereinfacht das Komplizierte und bringt alles in ein täglich gleich ablaufendes ritualisiertes Programmschema. „The medium is the message“ – Marshall McLuhans viel zitierte Einsicht aus den sechziger Jahren ist durch die seitherigen Entwicklungen nicht überholt, sondern bestätigt. Fernsehen macht aus allem, was es behandelt, Fernsehen.
Dieser Problematik hat Erwin Koller sich nicht verschlossen. Die kritische Reflexion über das Medium hat seine Fernsehtätigkeit stets begleitet. Schon in seiner Dissertation „Religion im Fernsehen“ (publiziert 1978) zog er aus dem theoretischen Nachdenken die Konsequenz, eine simple Anwendung vermeintlich bewährter „Gesetzmässigkeiten der medialen Vermittlung“ sei in einer so komplexen Beziehung wie der zwischen Religion und Fernsehen kurzschlüssig. Es genüge nicht, das Religiöse mit den bewährten Stärken des Fernsehens attraktiv zu machen. Für Koller gehörte zur fundierten Vermittlung, dass beide Seiten es sich nicht so leicht wie möglich, sondern so schwer wie nötig machen. Das Fernsehen kommt nicht ohne medienkritische Selbstbefragung aus, und die Kirchen brauchen das Korrektiv einer theologischen Religionskritik. Mit diesem Anspruch forderte Erwin Koller beide Seiten heraus. Die Qualität des Geleisteten ist der Beweis dafür, dass die Vermittlung anspruchsvoller Inhalte in einem populären Medium möglich und für beide Seiten fruchtbar ist.
Erwin Koller ist ein Grenzgänger zwischen den Disziplinen und Milieus, ein Randsiedler sowohl in der Glitzerwelt des TV-Business wie in der altehrwürdigen Tradition der (katholischen) Kirche. Grenzbereiche scheinen ihn besonders zu interessieren, ob es sich um Dialoge zwischen Philosophie und Politik, Theologie und Kunst, Ethik und Wissenschaft handelt – oder um die Grenzen des Begehbaren in hochalpinen Touren und Kletterpartien. Als Grenzgänger zwischen Akademie und Talk, zwischen Kloster und Studio, zwischen Chorkonzert und Show, zwischen Predigt und Kommentar hat Erwin Koller Pionierleistungen erbracht und Massstäbe gesetzt. Sie haben die kommunikative Verpflichtung der Kirchen genauso wie die qualitativen Möglichkeiten des Boulevardmediums neu definiert.
Urs Meier hat zuerst 16 Jahre lang als Fernsehbeauftragter, dann seit 1996 als Geschäftsführer der Reformierten Medien mit Erwin Koller eng zusammengearbeitet.
Beim vorliegenden Text handelt es sich um eine persönliche Würdigung, die in der Zeitschrift „Reformierte Presse“ der Ausgabe 51/52 am 20. Dezember veröffentlicht wurde.
