Neue Technologien für die Seele
Religiöse Erfahrungen und Bedürfnisse sind keineswegs einheitlich. Die digitale Welt macht sie sogar individuell gestaltbar. In Prag debattierten sechzig Delegierte von Fernsehstationen und Kirchen.
Auf der Spur des Individuellen
Unter dem Titel „Religion ´99“ berief die Europäische Union der Fernseh-Anstalten (EBU) eine Konferenz für 95 Teilnehmer aus mehr als zwanzig Ländern ein. Neue Ausrichtungen von religiösen Programmen wurden vom 13. bis zum 16. Oktober in Prag debattiert. Dies in einer Zeit, in der grosse Teile der europäischen Gesellschaft sich von (kirchlichen) Institutionen verabschieden, die Zugehörigkeit zu Konfessionen verschleiern und sich bei Lebensfragen zunehmend auf sich selbst zurückziehen.
Via Internet zur Seele
Die übrigen Medien sind durch neue Technologien herausgefordert, nicht in Konkurrenz, sondern in Kooperation mit dem Internet zu treten. Ein aktuelles Zukunftsszenario bildet dabei das Digitale Fernsehen, das einem neuen Medium gleichkommt. So werden die Kunden innert des kommenden Jahrzehnts ihr Fernsehprogramm selbst zusammenstellen und online abrufen können. Jederzeit werden Nachrichten, Spielfilme, Sportresultate und eben auch religiöse Sendungen angewählt und zu beliebiger Zeit und beliebig oft angeschaut werden können.
Der Fernseher wird zum „Interseher“, welcher den Kunden auch ermöglichen wird, via e-mail Echos an die Autoren von Sendungen zu richten, die eigene Befindlichkeit einem TV-Seelsorger anzuvertrauen oder die angesprochenen Themen mit anderen Zuschauern zu diskutieren.
Die Chance liegt im Inhalt der Sache
Noch stecken diese Möglichkeiten der Kommunikation in den Anfängen. Die Erneuerung von religiösen Sendungen wird sich jedoch weder auf die Formen beschränken noch nur den attraktiven Auftritt im Internet betreffen. Es werden hier hohe Anforderungen an die inhaltliche journalistische und kirchliche Arbeit gestellt sein. Denn das Bild mit dem alten Wein in neuen Schläuchen hatten wir schon, dieses braucht nicht erfunden zu werden.
Die Ästhetik des Religiösen
Die Frage an die Kirchen heute ist eigentlich eine Frage nach der Ästhetik, wie der Religionssoziologe Michael Ebertz (Freiburg und Konstanz/D) in einem eindrücklichen Referat erörterte. So wie sich in Mode, Freizeitgestaltung oder in Ernährungsfragen Gruppen ideologischer Färbung gebildet haben, so gilt dies auch für die Religiosität.
Es gibt religiöse Geschmacksgruppen und entsprechend auch Ekelschranken. Dem religiösen Hardrock gegenüber stehen beispielsweise Blasorchester. Ebertz führte aus, dass diese „Partialisierung“ des Religiösen einhergehe mit der zunehmenden individuellen Beurteilung des religiös Sinnvollen. Zwar würden den Kirchen immer mehr Europäer den Rücken zuwenden und zunehmend sei auch die Gruppe der „Konfessionsfreien“. Indessen sei das Bedürfnis nach religiösem Inhalt und entsprechenden Erfahrungen nach wie vor ungebrochen. Es sei nun an der Zeit, neue Gefässe für diese Bedürfnisse zu schaffen, meinte der Deutsche, wobei es wesentlich sei, für die angesprochenen Zielgruppen auch die entsprechende Sprache und geeignete Stilmittel zu finden.
Die Ernte folgt erst nach der Saat
Es geht schlicht um die – für die Kirchen – existentielle Frage, wie glaubwürdig die Sendungen nach ihrem christlichen Gehalt sind, wie ernsthaft sie nach ihren journalistischen Kriterien beurteilt werden und wie relevant sie für unsere Gesellschaft bleiben. Dies ist der Tenor der Verantwortlichen der Fernsehanstalten.
Die Konferenz in Prag hat klar gemacht, wie wichtig vernetztes Denken und Handeln geworden sind. Die junge Generation, die als grosse Internet-Kundschaft das Netz zu nutzen weiss, wird selbst mit ihrer Reaktion auf diese Entwicklung einwirken. Sie wird dazu beitragen, Antworten auf die Frage zu finden, ob es gelingt – kundennah und doch multikulturell, klar und doch multireligiös, im Netz und doch multimedial – den vorhandenen religiösen Bedürfnissen zu entsprechen und Menschen auf ihrem selbst gewählten Weg zu begleiten.
Martin Peier, Pfr.
Evangelischer Mediendienst,
Beauftragter für Radio und Fernsehen DRS
