Wenn Frauen Filme machen – kann das eine Sünde sein?
Tollkirschenextrakt, von Frauen über Jahrhunderte in die Augen geträufelt, um die Pupille dem Schönheitsideal entsprechend gross zu machen, macht bei langer Anwendung blind. Die Einschränkung, Instrumentalisierung und Lenkung des weiblichen Blickes ist als Thema in der Filmwissenschaft relativ neu. Doch die Macht des Blickes ist unbestritten, denn der Blick berührt, tastet, starrt, droht, bittet, schmeichelt, flirtet. Und wer kennt das Spiel nicht: wer den Blick zuerst senkt, ist der Verlierer.
Es ist kein Zufall, dass die meisten Regisseure (und Dichter und Komponisten und .) männlich sind, denn die Interpretation der Welt war lange genug Männersache. Es gibt den dominanten männlichen Blick im Film. Dass er aber nicht eine Frage des biologischen Geschlechts, sondern der geschlechtsgebundenen Zuschreibungen ist, zeigt eine Szene aus „Sabrina“ (Sidney Pollack, 1995), wo eine Frau einer anderen penetrant ins Decolleté starrt, um es dann mit einer spitzen Bemerkung zu kommentieren.
Die Lenkung des Blicks
Viele Filmbeispiele demonstrieren die Lenkung des Blicks der (männlich konzipierten) ZuschauerInnen. So zeigt etwa die berühmte Szene im Film „The Seven Yaer Itch“ (Billy Wilder, 1955) in der Marilyn Monroes Röcke vom Wind aus dem U-Bahnschacht in die Höhe geweht werden, in Nahaufnahme die schönen Beine der Protagonistin, nicht etwa deren amüsierten, aber auch verlegenen Gesichtsausdruck. Der Zuschauer wird zum Voyeur gemacht, ob er will oder nicht, gleich wie der Filmpartner von Monroe, der verstohlen auf ihre Beine schielt. Als erste hat die Filmtheoretikerin Laura Mulvey 1975 das Zusammenspiel von Blicken und Geschlechterrollen beleuchtet. Sie hat dabei den filmischen Blick als nur dem männlichen Sehvergnügen dienend entlarvt. Dies gilt für alle vier Arten des Blicks: der der Filmfiguren untereinander, der Blick der Filmfigur in die Kamera, der Blick der Zuschauenden und der Blick der Kamera. (Die beiden letzteren sind zumindest in der Totale nicht identisch, weil der Zuschauende den Blick dort schweifen lassen kann.)
Die Freiheit des Blicks oder Blicke, die in die Freiheit führen
Ganz anders als bei Wilder die Blicke im Kultfilm „Thelma and Louise“ (Ridley Scott, 1991): dort sehen sich die beiden Frauen, bevor sie sich im Auto in den Abgrund stürzen, intensiv in die Augen und verständigen sich fast nur durch diese Blicke über den gemeinsamen Freitod. Anders auch der Blick von Chantal Akerman auf ihre Filmfigur „Jeanne Dielman“ (1975), wo die Kamera über mehrere Minuten in einer unveränderten Einstellung die Protagonistin von hinten beim Abwasch zeigt. Deutlich wird dabei die Einsamkeit und die Eintönigkeit der Arbeit und – der Blick der Zuschauer/-innen bleibt frei.
„Regie“ kommt von regieren, und regieren heisst beherrschen
Erst in den siebziger Jahren waren Frauen als Regisseurinnen nicht mehr absolute Ausnahme, wie dies noch Dorothy Arzner war, die 1940 im bemerkenswerten Film „Dance, girl, dance“ eine Tänzerin zeigte, die sich dem sie zum Objekt degradierenden männlichen Blick und seinen Forderungen zu widersetzen wagte.
Wesentlich ist 1999 wohl, dass jeder Mensch, egal ob Frau oder Mann, das gleiche Recht und die gleichen Ressourcen (an Zeit, an Geld, an Vorbildern) bekommt, seine oder ihre Sicht der Welt im Film zu dokumentieren.
Susanne Hofer Tacchini
„Auf der Suche nach dem weiblichen Blick im fiktionalen Film“ hiess der Titel eines Filmseminars unter der Leitung der Zürcher Filmwissenschafterin Isabelle Stauffer.Ihr Seminar war ein Projekt in der Reihe „Der Mensch – das Subjekt – die Frauen: Vortrags- und Diskussionsreihe zum Subjektbegriff im Brennpunkt von Genderstudies und feministischer Wissenschaftskritik“. Es wurde organisiert von der Hochschularbeit der Evang.-ref. Landeskirche in Zürich. Die Referate und Seminare wurden von AkademikerInnen aus den verschiedensten Gebieten bestritten.
