Der Krieg in den Schweizer Medien
Einige Beobachtungen zur Darstellung des Jugoslawien-Kriegs in den Deutschschweizer Printmedien. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zusammengestellt von Marcel Hänggi.
„Kosovo-Albanien“
Am 9. April 1999 verwendete die Aargauer Zeitung in einem Untertitel den Begriff „Kosovo-Albanien“ – ein Begriff, den es genau so wenig gibt, wie etwa die Schweizerdeutsch sprechenden Menschen aus „Schweizerdeutschland“ stammen. Ein Bagatellfehler? – Wenn „Durchschnittsbürger“ die ethnischen und politischen Begriffe durcheinanderbringen, ist dies verständlich. Wenn es einer Zeitung passiert, ist es ein Symptom für fehlende Sorgfalt im Umgang mit einem heiklen Thema und unverzeihlich.
Das Thema „Krieg um Kosovo“ stellt besondere Anforderungen an die Medien, und es stellen sich einige spezifische Fragen: Wie kann man der Unfassbarkeit der Vertreibungen gerecht werden? Wie kann man, angesichts der schwierigen politischen Debatten, vermeiden, in eine Schwarz-weiss-Logik zu geraten? Wie bewältigt man die ungeheure Informationsmenge, wenn doch die wichtigsten Quellen – serbische Staatsmedien und die Nato – Partei und somit nur sehr begrenzt glaubwürdig sind? „Je länger der Krieg dauert, desto weniger wissen wir darüber“, schrieb der Tages-Anzeiger am 20. April.
„Chirurgischer Krieg“
1991 wurde im Golfkrieg der Mythos des „chirurgischen Krieges“ geprägt; es war der erste Krieg, der offensiv auch an der «Medienfront» geführt wurde. Die Mehrheit der Medien auch in der Schweiz machte mit: der Krieg wurde quasi als sportliches Ereignis mit Gegenüberstellungen „soundsoviele irakische Bomber gegen soundsoviele alliierte“ behandelt, die in den Bomben mitfliegenden Kameras faszinierten. Von den Menschen im Irak war wenig zu erfahren.
Seither haben die Medien, scheint es, gelernt. Ganz haben die Livebilder aus den Raketenspitzen ihren Sexappeal nicht verloren, doch der Umgang mit der Information ist vorsichtiger geworden – besonders deutlich zeigt sich der Unterschied zwischen Golf- und Jugoslawienberichterstattung in der SonntagsZeitung. Auch Zeitungen, die die Nato-Strategie begrüssen, sparen nicht mit Kritik an der selektiven Informationspolitik der Nato; alle grösseren Medien machen die Wahrnehmung dieses Krieges selbst zum Thema.
Schwarz-weiss
Kriegslogik vereinfacht, das wissen alle. Gelingt es den Medien, nicht mitzuziehen? In der Regel ja. In der Frage, ob die Nato-Angriffe sinnvoll seien oder nicht, haben viele keine einheitliche Meinung; aber auch Titel, die einen Standpunkt klar vertreten, lassen der „Gegenseite“ Raum. Ein Entgleiser war die WoZ vom 1. April, welche in einer Kolumne die Nato-Angriffe und ihre Begründung mit dem Angriff Hitler-Deutschlands auf Polen und der entsprechenden Begründung gleichsetzte. Die Vertreibungen der Kosovaren war in dieser Ausgabe nur nebenbei Thema. Die folgenden Nummern der WoZ haben diesen Ausrutscher wieder korrigiert.
Ein anderer blinder Fleck ist weniger offensichtlich und weit verbreitet: Die Albaner, die fast ausschliesslich als Opfer dargestellt werden, sind praktisch unkritisierbar geworden. Damit wird bei der Wahrnehmung „der Albaner“ als leidendes Kollektiv auch beispielsweise die UCK unkritisierbar, welche ihre Wurzeln in nationalistisch- grossalbanischen Kreisen (und in der Schweiz!) hat und wohl kaum eine Garantin für einen künftigen Frieden der Völker sein kann. Hintergründe zur und Kritik an der UCK ist sehr selten. Auf der anderen Seite wurden „die Serben“ kaum als Kollektiv kritisiert. Lediglich der Umstand, dass die Opposition zum Schweigen gebracht worden ist, wurde oft dahingehend fehlinterpretiert, diese Opposition existiere nicht mehr. Der unsorgfältige Umgang mit Begriffen, der dabei geschieht, leistet einer Dämonisierung „der Serben“ Vorschub.
Die Menschen
Vor allem während der ersten zwei Wochen nach Beginn der Bombardierungen wurden die Medienkonsumenten mit Bildern von Massen von vertriebenen Menschen sowie mit kurzen eingefangenen Augenzeugenberichten überschwemmt. Es scheint paradox: Dabei gingen die Menschen eigentlich vergessen. Viele Medien versuchten das Unfassbare zu beschreiben durch eine grosse Zahl möglichst brutaler Geschichten. Damit aber bleiben die Opfer in unserer Wahrnehmung eine Masse. Vertieftere Geschichten von Menschen, die über längere Zeit begleitet wurden, über ihre Ängste und Schmerzen hinter den spektakulärsten Gräueltaten waren selten. Immerhin fehlten sie nicht ganz: etwa der Augenzeuginnenbericht der albanischen Journalistin Gjerqina Tuhina (Tagblatt, BaZ, Temps, Tages-Anzeiger) oder Berichte serbischer Intellektueller in verschiedenenen Zeitungen.
Für die Lokalzeitungen wäre es naheliegend gewesen, das Thema anhand in der Region lebender Albaner oder Serben anzugehen. Im Zürcher Unterländer – ein zufällig ausgewähltes Beispiel – jedoch ist der Krieg am 13. April erstmals Thema im Lokalteil. Es geht nicht um direkt Betroffene, sondern um eine Schulklasse, die für die Glückskette sammelt.
Und die Schweiz?
Durchaus engagiert für die (albanischen) Kriegsopfer zeigte sich das Boulevard, allen voran der SonntagsBlick („Schämt euch“ rief er den Politikern zu, die Ruth Dreifuss kritisierten), aber auch der Blick. Ein Umstand, der heuchlerisch erscheinen könnte, würde man den Redaktionen eine andere Absicht zutrauen als nur die, möglichst viele Exemplare zu verkaufen. Bisher waren Ausländer im Blick nämlich vor allem im Zusammenhang mit der im Sommer 1997 gestarteten „kriminelle Asylanten“-Kampagne ein Thema.
In der Schweiz lebte vor dem aktuellen Massenexodus aus dem Kosovo ein Drittel der weltweiten albanischen Diaspora. Doch die Albaner sind weitgehend unbekannt und vor allem Thema im Zusammenhang mit Kriminalität – ähnlich wie die Italiener in den Sechzigern und frühen Siebzigern. Eine Welle von Versuchen, die albanische Gemeinde in der Schweiz kennenzulernen, ging im März 1998 zur Zeit des Massakers von Drenica und der stadtzürcher SVP-Kampagne gegen Kosovo-Albaner durch die Schweizer Medien. Es ist zu befürchten, dass gut gemeinte Berichte über albanische Musterfamilien wie etwa in der Schweizer Illustrierten vor allem als Beispiele für „die guten Albaner, die es auch gibt“ wahrgenommen wurden. Jetzt sind die Albaner in den Schweizer Medien von den Parias zu Menschen geworden, mit denen man sich gerne solidarisiert. Dabei bleibt die zweitgrösste Ausländergemeinde der Schweiz unbekannt. Wird die Solidarität anhalten, wenn die ersten traumatisierten Flüchtlinge in der Schweiz ankommen ? Das wird unter anderem an der Medienberichterstattung liegen.
Wie weiter?
Es gibt einige problematische Punkte in der medialen Vermittlung des Unfassbaren, die von den Medien nicht gelöst werden können. Kann man solchem Leid überhaupt gerecht werden? Werner van Gent (SF und SR DRS, WoZ) sagte, um ein wirkliches Bild der Geschehnisse vermitteln zu können, müsste man deren Geruch übertragen. Die immer gleichen Bilder bewirken eine allmähliche Gewöhnung; es kann keiner Zeitung, die sich verkaufen will, vorgeworfen werden, dass ihre Aufmerksamkeit nach Wochen der immer gleichen Bilder und Nachrichten nachlässt, auch wenn die Situation sich keineswegs bessert.
Zu wünschen wäre immerhin, dass das Thema nicht ganz in der Versenkung verschwindet, sobald die Waffengewalt vorbei ist. Doch genau dies ist mit Bosnien und vor allem mit Kroatien geschehen. Ziel der Nato-Aktion sei es, dass die Flüchtlinge zurückkehren könnten, heisst es – doch keine Zeitung schaut in dieser Zeit nach Bosnien und Kroatien, wo nach wie vor hunderttausende von Flüchtlingen auf ihre Rückkehr warten. Vor allem die 200´000 (serbischen) Flüchtlinge aus der kroatischen Krajina, die 1995 vertrieben wurden, stehen mit dem Kosovokonflikt in direktem Zusammenhang: Viele von ihnen wurden von den serbischen Behörden gegen ihren Willen im Kosovo angesiedelt, als Instrument einer ethnisch motivierten Bevölkerungspolitik.
Marcel Hänggi
Der Autor ist freier Journalist und Mitglied der „Medienhilfe Ex-Jugoslawien“
Die „Medienhilfe Ex-Jugoslawien“ unterstützt unabhängige, nicht nationalistische Medien in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien. Sie vermittelt an Schweizer Medien Kontakte zu Medienschaffenden und Intellektuellen aus der Region. Telefon 01 272 46 37, Fax 01 272 46 82, e-mail info@medienhilfe.ch, Internet http://www.medienhilfe.ch, PC-Konto 80-32253-9
Buch-Tips
Anlässlich des Krieges in Kosovo Hinweise auf drei Bücher, die sich mit Kriegsberichterstattung beschäftigen. Es handelt sich um zwei wissenschaftliche Beiträge und ein Sachbuch.
– Löffelholz Martin (Hrsg.): Krieg als Medienereignis. Grundlagen und Perspektiven der Krisenkommunikation. Westdeutscher Verlag1993. ISBN 3-531-12332-7
Die siebzehn Beiträge des Buches gehen von der wachsenden Bedeutung der Medien in nationalen, internationalen und globalen Krisen aus und analysieren grundlegende Aspekte von Krisenkommunikation. Nach welchen Regeln werden welche Kriege zum Medienereignis? Welche Rolle spielen Zensur und politisch-militärische Public Relations? Welche Alternativen gibt es für nächste (Medien-) Krisen?
– Imhof Kurt/Schulz Peter (Hrsg.): Medien und Krieg – Krieg in den Medien. Reihe „Mediensymposium Luzern“ Band 1. Seismo Verlag 1995. ISBN 3-908239-45-1
Die Beiträge beschäftigen sich mit der Beutung des Themas Krieg in den Medien und mit dem Krieg als Objekt des innenpolitischen Machtkampfes. Sie fragen nach Möglichkeiten alternativer Kriegsberichterstattung.
– MacArthur John: Die Schlacht der Lügen. Wie die USA den Golfkrieg verkaufte. dtv 1993. ISBN 3-423-30352-2
Der Journalist McArthur deckt in seinem Buch die Mechanismen auf, mit denen die amerikanische Berichterstattung in der Zeit des Golfkrieges seitens der eigenen Regierung bewusst in die Irre geleitet wurde.
