Tamagotchi: Pflegefall im Ei
Im November 1996 brach in Japan ein Fieber aus, das sich seit dem Mai 1997 in rasantem Tempo auch über ganz Amerika und Europa ausgebreitet hat. Der Auslöser der Infektion, die keinen so schnell wieder loslässt, ist eiförmig, fünfeinhalb Zentimeter hoch, hängt an einer silbernen Schlüsselkette und heisst Tamagotchi. Das kleine elektronische Wesen macht mit piepsenden Signalen auf seine Bedürfnisse aufmerksam: es hat Hunger, Schmerzen oder will spielen. Eine kritische Betrachtung.
Im Ei befindet sich ein quadratisches Fenster, das Einblick ins Innere gibt: Zu sehen sind insgesamt acht Aktionssignale. Besteck, Lampe, Baseballschläger mit Ball und eine Spritze befinden sich in der oberen Reihe. Ein Badeentchen, ein Tachometer und ein geöffneter Mund mit Schrei-Signet erscheinen jeweils auf Knopfdruck in der unteren Reihe. Das letzte Zeichen, zwei gekoppelte Gesichter mit glücklichem und unglücklichem Ausdruck, ist erst zu sehen, wenn sich der Bewohner des elektronischen Eies selbst zu Wort meldet. Und dieser Bewohner ist es, der die fesselnde Faszination ausübt. Im Innern lebt ein kleines Wesen, das glücklich oder unglücklich aussehen kann, durch piepsende Signale auf sich und seine Stimmung aufmerksam macht, das Hunger hat und gefüttert werden muss oder Spass beim Spielen hat. Dabei lernt es aus der Erfahrung mit seinem Benutzer-Vater oder seiner Benutzer-Mutter ständig dazu und wird jedes Jahr ein Cyber-Jahr älter. Allerdings nur dann, wenn es richtig betreut wird. Wenn ein Tamgotchi vernachlässigt wird, wird es unglücklich, entwickelt einen schlechten Charakter und seine Lebensdauer verkürzt sich. Und einfach Abschalten gibt es nicht – wer keine Lust mehr auf die Erziehung seines Tamagotchis zu einem ausgewachsenen Cyber-Wesen hat, muss es völlig vernachlässigen. Folge: das Tamagotchi kehrt zurück auf seinen Heimatplaneten irgendwo im Cyberspace . Das Ei, das vom japanischen Spielwarenkonzern Bandani entwickelt wurde, hat den Produktename Tamagotchi bekommen, was soviel wie „kleines Ei“ bedeutet. Sein Bewohner ist – dem Ei-Symbol entsprechend – ein kleines Küken, das unterschiedliche Entwicklungsformen durchläuft und zu verschiedenen Charakteren heranwachsen kann. Der Pflegefall im Ei erwies sich als Ei des Kolumbus. Inzwischen ist dieser Name zu einem Oberbegriff geworden für eine neue Generation von Cyber-Kreaturen. Der ständig wachsende Zoo umfasst mittlerweile Dinosauriere, Katzen, Hunde und weitere Vogelwesen, deren Gehäuse-Heim vom Ei natürlich zu diversen weiteren Formvarianten mutiert ist.
Tamagotchi in der Diskussion
Das Tamgotchi wirft Fragen auf, die weit über das Problem, wann es gefüttert und wie oft es diszipliniert werden sollte, hinausgehen. Die ersten, die mit Entschiedenheit gegen das Piepsen protestierten, waren Lehrer, die die lästige Geräuschkulisse als Störung ihres Unterrichts empfanden. Ausserdem wandten die Schüler ihre Aufmerksamkeit, die sie im Unterricht oft vermissen liessen, voller Begeisterung ihrem Tagmagotchi zu. Die ersten Verbote, ein Tamagotchi mit in den Unterricht zu nehmen, wurden ausgesprochen. Aber das grundsätzliche „Problem Tamagotchi“ ist damit keineswegs gelöst. Gesellschaftswissenschaftler und Kulturkritiker haben sich inzwischen des Phänomens angenommen und analysieren die neue Begeisterung für den eiförmigen Pflegefall. In manchem Essay begegenen einem Ängste vor einer übermächtig werdenden Technik.
Tamagotchi statt Haustier?
Wer ein Tamagotchi aus dem Ei schlüpfen lässt, übernimmt Verantwortung. Ein kleines hilfloses Wesen kann von der „Kindheit“ bis zum Tod gepflegt und betreut werden. Es spricht Gefühle an, verlangt nach Versorgung und Zuneigung und füllt damit offenbar eine emotionale Lücke im Erlebnisfeld von vielen Kindern. Allerdings bezweifeln viele Kritiker, dass es tatsächlich darum geht, brachliegende Emotionen zu aktivieren. Vielmehr ist das Tamagotchi ein Wesen, demgegenüber letztlich keine wirkliche Verantwortung besteht. Wenn ein Tamagotchi schlecht betreut wird und stirbt, so ist dies im Gegensatz zu z.B. einem wirklichen Tier keine existentieller Verlust, sondern ein imaginärer. Früher beseelten kindliche Projektionen leblose Puppen, beim Tamagotchi treffen Liebe, Sorge und Aggression der Menschen auf virtuelle Wesen. Bei diesen ist alles möglich, was ihnen die Spielentwickler japanischer Computerfirmen einprogrammiert haben. Das Display funktioniert nicht nur als blosser Spiegel, im Ei herrscht Leben nach eigenen Gesetzen. Indem das Kind ihnen zu gehorchen versucht, nimmt die Maschine Besitz von seiner Psyche – niedlich, freundlich, aber unerbittlich. Tamagotchis missionieren auf die niedliche Tour diejenigen, welchen die elektronische Weltbeglückung bisher fern war: An der Computertechnik weniger interessierte Kinder, vor allem Mädchen. Mit Tamagotchi braucht auch niemand mehr ein kleiner Bill Gates zu sein, um die Elektronik zu beherrschen. Die Schwellenangst sinkt. Der Rummel ums Ei mit seiner Niedlichkeitskultur lockt Kinder in die Läden, die sonst von aufwendigen Fantasy – oder Brutalo-Spielen eher abgeschreckt würden.
Die Knöpfchendrücker entsprechen Karrikaturen moderner Eltern, die ihre Kinder umschwirren und auf jeden Wunsch des herrischen Kleinen reagieren. Das Tamagotchi ist durchaus ein Modell für das lifestylegerechte Kind mit genau bemessenem Pflegeaufwand. Allzu negative Erfahrungen in der frühen Kindheit, droht ein Begleitbuch, lassen ihn später zu einem schlechten Charakter heranwachsen. Hunger, Unzufriedenheit, Dreckhäufchen – wenn der Kleine nicht gepflegt wird, ist seine Lebenserwartung nicht allzu gross. Was bei menschlichen Eltern mit menschlichen Kindern eine Frage des eigenen Ermessens ist, wird so für einen Tamagotchi-Pfleger vom ersten Tag an ein Problem von Leben oder Tod – wahrlich eine virtuelle Verschärfung des modernen Erziehungswahns.
Der Kölner Kinder- und Jugendpsychotherapeut Ulrich Schmitz erklärte im Namen des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen: „Für Kinder führt der Besitz eines Tamagotchi zum viel zu frühen Abschied von Hoffnungen, Träumen, Mythen, Sagen und Legenden, die durch den Einsatz kalter Technik abgelöst werden“. Liebe, Zufriedenheit, gar Glück haben in dem Schema der „Erziehung“ des Tamagotchi nur Platz, wenn sie in Reiz- und Reaktionsschemata zerlegt werden können – Behaviorismus pur, im Ei schlägt ein kaltes Herz.
Wolfgang Koch-Tien (gekürzt)
Referent für Medienarbeit in der Medienzentrale des Erzbistums Köln
