Authentische Nähe zur Wirklichkeit
Das Filmfestival „Visions du réel“, das am letzten Samstagabend mit der Preisverleihung zu Ende gegangen ist, hat im Rahmen des internationalen Wettbewerbs nicht weniger als drei Premieren von Schweizer Kinofilmen gezeigt. Auch ausserhalb des Wettbewerbs waren Schweizer Filme stark vertreten, und das Festival verzeichnete über gut 20´000 Besucher, was gegenüber dem Vorjahr eine Zunahme von 25% und damit einen neuen Besucherrekord bedeutet.
Seit das vor über dreissig Jahren gegründete Internationale Dokumentarfilmfestival in Nyon vor acht Jahren mit Jean Perret einen neuen dynamischen und umsichtig agierenden Direktor und mit ihm eine neue Ausrichtung erhalten hat, findet dieses neben Locarno, Fribourg und den Solothurner Filmtagen wichtigste Filmfestival in der Schweiz von Jahr zu Jahr im In- und Ausland mehr Sympathie und Beachtung. Der Begriff „Dokumentarfilm“ ist seit diesem Jahr nicht mehr im Namen des Festivals. Eine deutsche Formulierung für den französischen Begriff „Visions du réel“ ist freilich noch nicht etabliert worden, aber wie Jean Perret in seinem Vorwort zum umfangreichen Festivalkatalog schreibt, geht es bei den in Nyon programmierten Filmen „über die stets verkürzten Grenzen des Dokumentarfilms hinaus“ um die Visionen der Autorinnen und Autoren und ihre persönliche Sicht und authentische Nähe zur Wirklichkeit. Jenseits der Produktion verkürzter Fernsehinformationen nehmen sich die unabhängigen Filmemacher genügend Zeit, um durch ihre Arbeit „der Wahrheit Sinn zu verleihen“. Auf solchen Grundgehalt hin geprüft sind aus rund 1´500 eingereichten Filmen insgesamt deren 113 für die sieben verschiedenen Festivalsektionen ausgewählt und zur Diskussion gestellt worden.
Ein wichtiges Anliegen war dem Festival dieses Jahr die Präsentation von sechs Produktionen aus der Kollektion „Steps for the Future“, welche die verheerenden Folgen von AIDS im südlichen Afrika dokumentiert. Ein Gespräch am runden Tisch thematisierte die hervorragende Koproduktion zwischen Südafrika und Europa, welche die Verwirklichung dieses aussergewöhnlichen Projektes ermöglichte. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die Unterstützung durch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) des Eidg. Departementes für auswärtige Angelegenheiten.
Neben Erich Langjahr, Alexander J. Seiler und Peter Mettler, deren neuste Filme im Rahmen des internationalen Wettbewerbs uraufgeführt wurden, hat das Festival mit „Helvétiques“ eine neue Plattform für das inländische Filmschaffen eingerichtet, und mit den Beiträgen von Atelier Zérodeux einen anregenden Ausblick auf die Expo.02 sowie auf die Arbeit der Studenten der Ecole d´art in Lausanne (ECAL) eröffnet. Erstmals wurde mit dem Preis der Télévision Suisse Romande der beste Schweizer Film (aller Formate und Sektionen) ausgezeichnet. Er ging an die junge Autorin Ursula Meier für den von Cinemanufacture Lausanne produzierten Film „Pas les flics, pas les noirs, pas les blancs“, in dessen Mittelpunkt mit Alain Devegney ein Mann steht, der in seiner Jugend Mitglied einer rechtsextremen Partei gewesen ist und als Opfer eines Überfalls in Afrika zur Überzeugung gelangt ist, dass interkultureller Dialog und Austausch unumgänglich sind. Im Laufe seiner Wandlung wird er Unterbrigadier bei der Genfer Polizei, wo er sich in einer für ihn typischen Haltung und Sprache für ein neues Integrations- und Mediationsprojekt einsetzt, das die Beziehungen zwischen der Polizei und den verschiedenen Ausländergemeinschaften verändern soll. In einer von zunehmendem Fremdenhass geprägten Zeit hat Ursula Meier einen optimistischen Film geschaffen, der für gegenseitige Toleranz plädiert.
Nach „Sennen-Ballade“ (1996) und „Bauernkrieg“ (1998), die beide noch von kirchlichen Fördergeldern profitieren konnten, hat Erich Langjahr im Rahmen seiner Langzeitstudie mit „Hirtenreise ins dritte Jahrtausend“ jetzt den dritten Film einer Trilogie vorgestellt, in welcher er sich mit den elementaren Fragen des Menschen auseinandersetzt. Im Zentrum stehen die Fragen nach Identität, Überleben und Zukunft. Zur Diskussion gestellt werden sie am Beispiel von Hirten, die diese älteste Lebensform menschlicher Existenz gewählt haben aus dem Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun. Dabei lässt sich Langjahr viel Zeit, gibt der Natur und den in ihr lebenden Menschen viel Raum, beobachtet sie mit geduldiger Zuneigung und fasziniert mit eindrücklichen Bildern. Eine andere Art von „Reise ins Landesinnere“ hat Alexander J. Seiler mit seinem Film „Septemberwind“ unternommen. 1964 hat er mit „Siamo Italiani“ eindrücklich den fremdenpolizeilichen Spiessrutenlauf, die soziale Ausgrenzung und die unwürdigen Wohnverhältnisse der in die Schweiz eingewanderten Süditaliener gezeigt. 40 Jahre später geht er jetzt den Fragen nach, was aus den Familien von damals geworden ist und wo sie und ihre Kinder zu Hause sind, wovon sie träumen und wie sie sich fühlen. Unterwegs ist auch Peter Mettler für die Realisierung seines dreistündigen persönlichen Films „Gambling, Gods and LSD“, der sowohl von der internationalen Jury mit dem grossen Preis (von der UBS mit Fr. 15´000 dotiert) als auch von der Jugendjury, ausgezeichnet wurde. Er folgt unsichtbaren Strömen, welche die Menschen in Kanada, den USA, der Schweiz und Südindien verbinden und erforscht Orte, die von Alltagsgeschichten und Mythen besetzt sind; eine Suchbewegung um die Frage, wofür wir leben, wie wir die Welt und wo wir den Himmel sehen; und der Versuch, das Staunen im Allernächsten und im Entlegendsten wiederzufinden. Der Medientipp wird auf diese Filme näher eingehen, wenn sie in der deutschen Schweiz ins Kino kommen.
Hans Hodel, Filmbeauftragter Reformierte Medien
Information: Nyon, Visions du Réel, Festival Int. du Cinéma Documentaire, 18, rue Juste-Olivier, Case postale 593, CH-1260 Nyon, Telefon: +41 (0)22 361 60 60, Fax: +41 (0)22 361 70 71, E-Mail: docnyon@iprolink.ch, Internet: http://www.visionsdureel.ch
