Aktuelle Umbrüche in der kirchlichen Medienarbeit
Einsparungen zwingen den Katholischen Mediendienst zu drastischen Massnahmen
Der Katholische Mediendienst muss im kommenden Jahr Fr. 120´000.-einsparen. Er wird deshalb Leistungen abbauen und Personal entlassen. In diesem Konflikt hat sich Matthias Loretan als Geschäftsführer entschieden, seinen Posten zur Verfügung zu stellen. Er unterrichtete den Vorstand KM und die Medienkommission der Schweizer Bischofskonferenz über seine Demission und legte ihnen im Einverständnis mit der Geschäftsleitung KM einen Plan für die Reorganisation des KM vor. Dieser ist vom Vorstand KM in einer ersten Lesung akzeptiert worden.
Matthias Loretan wird dem KM noch bis im Frühjahr zur Verfügung stehen und die notwendigen Schritte der Reorganisation in die Wege leiten. Vor zehn Jahren übernahm er die Leitung des Katholischen Mediendienstes. Er war insgesamt während 20 Jahren für die kirchliche Medienarbeit im Einsatz.
Abbau von Leistungen und neues Profil des KM
Um längerfristig die Handlungssouveränität zu wahren, schlägt die Geschäftsleitung KM vor, bereits im regulären Budget 2002 Fr. 120´000.- einzusparen. Durch die Reduktion auf Kernaufgaben, welche die Akzeptanz sowohl der Kirchenleitung als auch der Finanzierungspartner finden sollten, werden im Rahmen stabiler Leistungsvereinbarungen Bedingungen geschaffen, unter welchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des KM sich wieder auf die effektive Erfüllung ihrer Aufträge konzentrieren können. Gleichzeitig soll die Geschäftsleitung von den zermürbenden Verhandlungen um die kircheninterne Mittelbeschaffung entlastet werden. In Zukunft wird der KM seine Aufgabe für medienübergreifende Planung und Entwicklung auf sprachregionaler Ebene deutlich einschränken und sie nur mehr im Rahmen seiner eigenen Kernfunktionen wahrnehmen. Das Ressort Film und Audiovision wird in die Geschäftsführung integriert. Durch diese Zusammenlegung werden folgende Bereiche beschnitten: die theologische Grundlagenarbeit im Bereich Kommunikation und Medien sowie das filmkulturelle und medienkritische Engagement. Vollständig abgebaut wird das Engagement des Mediendienstes bei der Ausbildung der Journalisten im Bereich der Ethik.
Im Rahmen des neuen schmalen Profils schlägt die Geschäftsleitung vor, sich in Zukunft auf die Bereiche Film und Audiovision, Radio und Fernsehen sowie Internet zu konzentrieren. Die Geschäftsführung wird wie bisher, aber in deutlich reduziertem Umfang das Ressort Grundlagen übernehmen. Dazu gehören: die Pflege des Dialogs zwischen Medien/Film und Kirche/Theologie, die Medienkritik sowie die Beratung und Weiterbildung kirchlicher Mitarbeiter. Der neue Geschäftsführer wird die Koordination der bewährten Zusammenarbeit mit den Reformierten Medien weiterführen. Die Ökumenische Mediengruppe betreibt den Medienladen, welcher audiovisuelle Materialien für die religiöse Erziehung und die kirchliche Bildungsarbeit bereitstellt. Die Ökumenische Mediengruppe publiziert den Medientipp als Vorschau auf religiöse Programme sowie das Medienheft als Fachzeitschrift für Kommunikation und Medien. Das Ressort Radio und Fernsehen wird weiterhin prioritär mit der SRG zusammenarbeiten (Gottesdienst-Übertragungen, Radiopredigten, Wort zum Sonntag). In Ergänzung dazu wird der KM das Internetradio (http://www.radio.kath.ch) als authentische kirchliche Stimme im Bereich der Privatradios weiterentwickeln. Nach nur fünf Jahren hat sich das Projekt Katholische Kirche Schweiz Online zu einem eigenständigen und erfolgreichen Ressort entwickelt. Das Internetportal der katholischen Kirche in der Schweiz (http://www.kath.ch) wird täglich von über 2000 Anwendern aufgesucht. Kirchliche Anbieter wie Pfarreien und Arbeitsstellen unterstützt der KM mit Dienstleistungen zur Gestaltung und Aktualisierung ihrer Webseiten.
Ursache für die finanzielle Krise des KM
Im Anschluss an den Pastoralplan Kommunikation und Medien erhielt der KM im Winter 1999 von der Schweizer Bischofskonferenz einen Leistungsauftrag. Dieser Leistungsauftrag umfasste im Wesentlichen jene Dienstleistungen und Projekte, welche der KM in den letzten Jahren entwickelt hatte. Vorstand und Geschäftsleitung KM machten die Finanzierungspartner Fastenopfer und Römisch katholische Zentralkonferenz auf die Schere aufmerksam, welche sich zwischen dem Auftrag der Bischofskonferenz und den zur Verfügung gestellten Finanzen öffnete. Bei gleichbleibenden Zuschüssen der kirchlichen Finanzierungspartner mussten die neuen Projekte (Internetportal kath.ch, Radio kath.ch sowie Medienladen) auf die beiden folgenden Arten finanziert werden: (1) Nachhaltige interne Umverteilungen und Reorganisationen gingen zu Lasten der Filmarbeit. Für die Filmzeitschrift ZOOM/Filmberater musste nach über 60-jähriger Tradition eine neue Trägerschaft gefunden werden. Die gleichnamige Filmdokumentation wird auf Ende Jahr zu einer Zweigstelle der Cinémathèque suisse. (2) Auf Empfehlung der Finanzierungspartner deckte der KM den Rest der Verluste während der letzten drei Jahre aus seinen Reserven. Diese sind nun aufgebraucht.
Strukturelle Hintergründe der Krise kirchlicher Medienarbeit auf sprachregionaler Ebene
Um die begrenzten kirchlichen Ressourcen auf nationaler und sprachregionaler Ebene möglichst zielgerichtet und wirkungsorientiert einzusetzen, erarbeiten auf Initiative der Finanzierungspartner die beteiligten Organe (Kirchenleitung, Fastenopfer und Römisch katholische Zentralkonferenz sowie zuständige Medienorganisationen) zur Zeit Leistungsvereinbarungen. Nach Auffassung der Initianten soll dieser Prozess exemplarisch im Medienbereich durchgespielt und in anderen Bereichen kirchlicher Tätigkeiten auf nationaler und sprachregionaler Ebene fortgeführt werden. Der Katholische Mediendienst hat einen solchen Prozess seit bald zehn Jahren vorgeschlagen und unterstützt das Anliegen, die schwerfälligen und anonymen Entscheidungsverfahren auf sprachregionaler und nationaler Ebene wirksam zu koordinieren und ihnen eine verbindliche Form zu geben. Ihr träges Tempo erzeugt vor allem bei kirchlichen Medienorganisationen, die einem dynamischen Umfeld ausgesetzt sind, eine enorme Spannung.
Diese Spannung wird potenziert bei kirchlichen Organisationen auf sprachregionaler und nationaler Ebene. Hier wirken sich die duale Struktur und die föderalistische Finanzkompetenz der katholischen Kirche in der Schweiz fatal aus. In den Bereichen Agentur, Radio und Fernsehen, Internetportal sowie Herstellung und Vertrieb von audiovisuellen Materialien für Erziehung und Bildungsarbeit haben sich im säkularen Bereich weitgehend Medienmärkte mit sprachregionalen Strukturen ausgebildet. Die Finanzkompetenz der Kirchen in der Schweiz ist allerdings dezentral organisiert und bevorzugt der Tendenz nach die Entwicklung regionaler Einrichtungen. Im Vergleich zu den regionalen Einrichtungen sind katholischerseits die nationalen und sprachregionalen Medienorganisationen finanziell schwach ausgestattet. Durch die Verzettelung ihrer Kräfte hat die katholische Kirche in der deutschsprachigen Schweiz die Marginalisierung ihrer Medienpräsenz deshalb teilweise selbst zu verantworten. Bei der Klärung der Frage, welche Aufgaben zielgerichtet und wirkungsorientiert auf welcher Ebene (regional oder sprachregional) gelöst werden sollten, trug der KM zur Hauptsache das Gewicht der Koordination und wurde oft von einer Instanzebene zur anderen verwiesen.
Organisatorische Vorschläge zur Lösung der strukturellen Probleme im Umfeld
Die Medienkommission der Schweizer Bischofskonferenz hat die strukturellen Probleme kirchlicher Medienarbeit auf nationaler und sprachregionaler Ebene erkannt. An ihrer letzten Sitzung Ende Oktober hat sie den Zwischenbericht zur Konkretisierung des Pastoralplans in der deutschsprachigen Schweiz entgegengenommen und seinen Folgerungen in einer ersten Lesung pauschal zugestimmt (http://www.kath.ch/do_zwischenbericht_20010802.htm). Als längerfristige Massnahme schlägt der Zwischenbericht die Bildung eines aktiven Planungs- und Koordinationsgremiums der staatskirchenrechtlichen Organe in der deutschsprachigen Schweiz vor. Analog zur entsprechenden Organisation in der Westschweiz (Fédération romande) könnte die Fédération allemande (Arbeitstitel) parallele Funktionen übernehmen, wie sie die staats-kirchenrechtlichen Organe auf kantonaler Ebene und in der Westschweiz wahrnehmen: sich inhaltlich mit den Aufgaben der Kirche auseinander setzen, sie organisatorisch mittragen und aktiv nach finanziellen Lösungen suchen. Auf pfarreilicher und kantonaler Ebene sind vielerorts dynamische Kulturen der Kooperation und Machtteilung zwischen kirchlichen und staatskirchlichen Organen gewachsen. Auf sprachregionaler Ebene müssen vergleichbare Strukturen und Kulturen erst noch entwickelt werden. Damit könnte in Zukunft verhindert werden, dass sprachregionale (Medien-)Organisationen nicht mehr „zwischen Stuhl und Bank fielen“, sondern bei Kirchenleitung und Finanzierungsorganen verbindliche Ansprechpartner fänden, die am gleichen Strick ziehen. Angesichts knapper werdender kirchlicher Ressourcen werden nämlich Kirchenleitung und Finanzierungspartner in Zukunft noch vermehrt die schwierige Aufgabe übernehmen müssen, Prioritäten zu setzen und diese mit den Beteiligten auszuhandeln.
Der Katholische Mediendienst hat die kurzfristigen Konsequenzen zur Behebung seiner finanziellen Krise gezogen und bleibt handlungsfähig. Was die strukturellen Probleme angeht, treffen diese in unterschiedlicher Härte auch auf die anderen katholischen Medienorganisationen auf sprachregionaler Ebene zu. Ein allgemeines strukturelles Problem soll deshalb abschliessend kurz skizziert werden. Viele der im Milieukatholizismus entstandenen Medien werden immer weniger von einer aktiven kirchlichen Basis getragen, welche die entsprechenden Publikationen und Dienstleistungen entweder direkt nachfragt und finanziert oder die betreffenden Anliegen aus Überzeugung subventioniert. Die kirchlichen Publikationen auf den verschiedenen Ebenen sind heute bereits massgeblich von den staatskirchenrechtlichen Organen auf national-sprachregionaler Ebene (z.B. KM, Kipa) sowie auf kantonaler Ebene (z.B. kantonale Medienstellen, Informationsbeauftragte, Pfarrblätter) abhängig. Kirchliche (Medien-)Organisationen finden vor allem in der Deutschschweiz nur schwer (insbesondere junge) Menschen, die als Freiwillige für Strukturaufgaben Verantwortung übernehmen. Ihre Bereitschaft zum Engagement ist eher thematisch motiviert, fokussiert sich auf den unmittelbaren Lebensraum wie die Pfarrei und ist zeitlich begrenzt. Diese schwindende Form öffentlicher Partizipation in der Kirche ist zu bedauern. Sie entspricht allerdings der (durch die Individualisierung bedingten) Ausdifferenzierung von pluralen Mitgliedschaftstypen, bei denen die Zugehörigkeit zur Kirche in jeweils unterschiedlichen Verbindlichkeitsgraden ausgeprägt ist. Vor allem jene Menschen, deren Verhältnis zu den Kirchen als distanziert oder kundenorientiert beschrieben wird, erwarten von der Kirche, dass sie ihre kommunikativen Dienstleistungen (Verkündigung, redaktionell bearbeitete Information und PR) kostenlos anbietet. Um die redaktionelle Unabhängigkeit der professionellen publizistischen Medienleistungen der Kirche (Agenturen, Pfarrblätter, religiöse Sendungen in Radio und Fernsehen sowie Portal kath.ch) auch in Zukunft organisatorisch zu gewährleisten, müssen sie durch ein neues Gleichgewicht der kirchlichen Kräfte sicher gestellt werden: Kirchenleitung, staatskirchenrechtliche Organe und Vertreterinnen und Vertreter einer zunehmend spontan agierenden Kirchenbasis müssten gemeinsam die Strukturen der Medienarbeit tragen. Entsprechende organisatorische Modelle haben sich bereits auf lokaler und regionaler Ebene bewährt und müssten für die Medienarbeit auf schweizerischer und sprachregionaler Ebene weiter entwickelt werden.
Matthias Loretan für die Geschäftsleitung KM
Auskunftspersonen
Matthias Loretan, Geschäftsführer KM, matthias.loretan@kath.ch
Willi Anderau, Bischöflicher Beauftragter für Radio und Fernsehen, willi.anderau@kath.ch
Charles Martig, Ressort Film und Audiovision, charles.martig@kath.ch
Willy Kaufmann, Präsident KM, Telefon 01 392 27 17
Katholischer Mediendienst
Bederstrasse 76, Postfach
8027 Zürich
Telefon 01 204 17 70
