„Biotopien“: Technisiertes Leben – Lebendige Technik
(medientipp) Vom 5. Mai bis 21. Juli wird auf SWR2 jeden Samstag von 8.00 bis 9.30 Uhr die Sendung „Biotopien“ ausgestrahlt. Die zwölfteilige Reihe beschäftigt sich mit der rasanten Entwicklung der Biotechnologie und ihrem Einfluss auf unseren Alltag.
Die erste Folge „Wer lebt? Eine Frage der Biologik“, die am 5. Mai ausgestrahlt wurde, hat die Entwicklung der Gentechnologie bis ins 21. Jahrhundert aufgezeigt. Die Sendung vermittelte Fakten, präsentierte Stellungnahmen von Wissenschaftlern, befragte ein 5-jähriges Mädchen zum Thema „Wer oder was lebt?“ – und sie spann die Schöpfungsgeschichte weiter: „Am achten Tag wird der Schöpfer gestört. Besorgt registriert er, was er hört: Hier habe ich eine gesunde Zelle aus einer Rippe isoliert. Daraus werden im Fall der Fälle ein neues Knie, eine neue Elle. Kurz: frische Organe generiert. (…) Das mit dem Ebenbild, spürt der Schöpfer beklommen, haben sie (die Menschen) offenbar wörtlich genommen.
Welche ethischen Massstäben sollen oder können den Umgang mit den Biowissenschaften überhaupt noch regulieren? Ein Archäologe, der in der Sendung zu Wort kam, sieht das Problem darin, dass unser ethisches Bewusstsein nur zur Regelung sozialer und nicht biologischer Fragen entstanden ist. Wir sind nicht fähig, scharfe Grenzen zu ziehen, da die Biologie auf kontinuierlichen Übergängen beruht. Beispielsweise ist im Prozess des Sterbens der Hirntod nur eines von mehreren Stadien.
Durch die vielen Eingriffe des Menschen in die Natur, befindet sich das Leben nicht mehr in einem geschützten Biotop. So endet die erste Folge auch mit den verunsicherten Worten des Schöpfers: “ Mit biologischer Technologie wird das Biotop eine Utopie. Ist das nun gut, ist das nun schlecht? Offen gestanden, ich weiss es nicht recht.“
Die noch folgenden elf Sendungen gehen ebenso auf die immer enger werdende Verknüpfung von Technik und Leben ein. Geklonte Menschen, designte Babys oder fühlende Roboter – Visionen, die bald Wirklichkeit werden könnten, werden thematisiert. Der aktuelle Forschungsstand wird aufgezeigt und stellt uns vor die Fragen: Kennt der Fortschritt eine Richtung? Bedeutet er das Ende der Natur?
Die Website http://www.swr2.de/biotopien/index.html bietet umfangreiche Materialen zu den einzelnen Sendungen. Verpasste Folgen können abgehört und Manuskripte eingesehen werden. Ausserdem findet man Links zu den verschiedenen Themen sowie Informationen über die Interviewpartner und deren Forschungsarbeiten.
Die weiteren Folgen werden jeden Samstag von 8.30 bis 9.00 Uhr im Radio SWR2 zu hören sein:
- Samstag, 12. Mai: Von Wunschkindern und Menschenmachern
Das englische Bilderbuch „Ich bin ein kleiner `Frostie`“ will Kindern ihren Ursprung erklären: Ihre Zeugung im Labor. Die Zeugung ohne Sexualität wird als alltäglich verhandelt, bereits morgen gilt vielleicht die genetische Verbesserung der Nachkommen als ein Muss - Samstag, 19. Mai: Tanz ums Gen
Bisher waren unsere Lebensentwürfe an ein bestimmtes Verhältnis von „Zufall“ und „Planbarkeit“ angepasst. Glück und Pech, Scham und Stolz gehören in die Welt des Zufalls; Schuld und Verdienst, gut und böse dagegen sind mit der Vorstellung eines freien, planenden, eigenverantwortlichen Menschen verknüpft. Die Grenze zwischen diesen Bereichen könnte sich infolge der Humangenetik erneut verschieben - Samstag, 26. Mai: Organe aus der Körperwerkstatt
Der im Labor erzeugte Embryo wurde zum Streitobjekt der 80er Jahre. Heute sind es aus menschlichen Embryonen erzeugte Stammzellen, die bei Forschern und Patienten Euphorie, bei Ethikern herbe Kritik auslösen - Samstag, 2. Juni: Bio-Commerce – Patent auf Leben
Aus der einst beschaulichen Wissenschaft Biotechnologie ist ein dynamischer Wirtschaftszweig geworden, der keine Zeit für lange Diskussionen zulässt. Die Argumente „Erklären Sie das mal einem Sterbenskranken!“ oder „Wenn wir es nicht tun, tun es andere“ haben sich durchgesetzt. Welchen Regeln gehorcht dieser Markt? - Samstag, 9. Juni: Die Suche nach dem Selbst
Immer besser werden Hirnforscher in der Lage sein, unser Denken und Erleben zu verstehen. Aber was ist gewonnen, wenn der Schaltplan des Bewusstseins einmal entschlüsselt ist? Ändert sich unser Selbstverständnis? Hat die Seele wirklich ausgedient? - Samstag, 16. Juni: Länger leben, länger altern, länger sterben
Was weiss man über das Altern? Wie sollen wir in Zukunft sterben? Wenn sich die Definition des Lebens ständig ändert – ändern sich auch die Kriterien für den Tod? - Samstag, 23. Juni: Künstliches Leben
In der „Artificial-Life“-Forschung hoffen Wissenschaftler durch die Beobachtung digitaler Tierchen mehr über wichtige Lebensprozesse zu erfahren. Was bedeutet es, lebendig zu sein und wie hat sich das Leben entwickelt? - Samstag, 30. Juni: Das Lächeln des Roboters
Wissenschaftler aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz arbeiten weltweit an Robotern, die sich freuen können und sich überraschen lassen, die Angst oder Trauer zeigen - Samstag, 7. Juli: Künstliche Sinne
Die Grenze vom Sehen zum Tasten kann fast beliebig verschwimmen. Prinzipiell ist es möglich, ein Bild mit den Ohren oder mit den Händen zu sehen, wie es Blinde im Grunde genommen auch tun. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, auch künstliche Sinnesorgane an freie körperliche Sensoren anzuschliessen und auf diese Weise Wirklichkeiten hervorzurufen, die das Auge nicht sieht - Samstag, 14. Juli: Wieviel Körper braucht der Mensch?
Kommunikation vollzieht sich immer häufiger ohne körperliche Anwesenheit. Parallel zu dieser Tendenz dienen trainierte, stilisierte und schönheitschirurgisch in Form gebrachte Körper als soziale Visitenkarte. Nicht Kleider, sondern Körper machen heute Leute. Wie passen Körperkult und Entkörperung zusammen? - Samstag, 21. Juli: Das Ende der Natur?
Gen-Food und Hochleistungsmedizin einerseits, katastrophale Ernteausfälle und weltweite Epidemien andererseits. An die Stelle der natürlichen Selektion tritt eine zunehmend zielgerichtete, von kulturellen Massstäben dominierte Selektion. Wie weit kann die Technik die Natur künftig in den Griff bekommen und sich dem Spiel der unberechenbaren Zufälligkeiten entziehen?
