Holy Smoke
Die junge Australierin Ruth ist in die Sekte eines indischen Guru geraten. Ihre Familie lockt sie zurück nach Hause und zwingt sie zu einer „Deprogrammierung“. Jane Campion inszeniert eine provokante Geschichte und ergreift Partei für die betroffene Frau.
Mit „The Piano“ wurde die Neuseeländerin Jane Campion international bekannt. Wer in ihrem neuesten Film jedoch eine Fortsetzung der Bildsprache und der neoromantischen Philosophie erwartet, wird vor den Kopf gestossen. Die Geschichte der jungen attraktiven Ruth (Kate Winslet), die in Indien ihren spirituellen Führer gefunden hat und darauf von der Familie zum Ausstieg aus der Sekte gezwungen wird, ist zwar spannend und dramatisch gestaltet. Jane Campion ist jedoch zu den Wurzeln des australischen Kinos zurückgekehrt und mischt mit leichter Hand Satire und Kammerdrama, überzeichnet die australische Gesellschaft grotesk und bricht auch die dramatischen Momente mit einer ironischen Überzeichnung.
Die Konfrontation zwischen Ruth und dem amerikanischen Sektenspezialisten (Harvey Keitel), der das illegale Geschäft der „Deprogrammierung“ betreibt, ist spannungsgeladen und provokant. Durch die Isolation in einer einsamen Hütte wird die Begegnung zu einem (sexuellen) Machtspiel, das beinahe in den Abgrund führt. Jane Campion gelingt in „Holy Smoke“ ein Sektendrama, das die Neurose der australischen Gesellschaft witzig überzeichnet. Zugleich lotet sie das Thema der Geschlechterbeziehung unter extremen Bedingungen aus. Ihre bedingungslose Parteilichkeit für die junge, selbstbewusste Frau macht den Film sehenswert. Mit der männlichen Hauptfigur geht Jane Campion jedoch hart ins Gericht.
Charles Martig
Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
„Holy Smoke“, USA 1999, Regie: Jane Campion
Film des Monats Juni 2000
