On connaît la chanson

Das französische Chanson erfreut sich einer zeitlos grossen Popularität. Wer die Glanznummern einmal gehört hat, vergisst sie nur schwer wieder. Mit dem Wiedererkennungseffekt der Lieder spielt Alain Resnais Film „On connaît la chanson“, einer grossartigen Hommage an das französische Chanson.
Es wird bald klar, mit welch ungewöhnlichem Stilmittel Resnais seine Komödie ausgeschmückt hat: Die realistisch angelegten Figuren beginnen oftmals unvermittelt Lieder ihrer Epoche im Playbackverfahren zu singen. Die verwendeten Chansons, ausnahmslos Hits bekannnter französischer Chansonniers und Chansonnières, ziehen sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte.
Doch was für eine Geschichte wird erzählt? Eine federleichte, in Paris spielende Komödie über die Liebe und den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen Schein und Sein. Resnais präsentiert Menschen, die sich hinter einem Lügengebäude verstecken. Im Drehbuch von Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri werden gekonnt glaubhafte Figuren entwickelt, die in einem komplexen Beziehungsnetz untereinander verknüpft sind.
In diesem Figurenkabinett gibt es zum Beispiel den einfachen älteren Angestellten eines Maklerbüros Simon (André Dussollier), der sich aber gerne als Autor von Hörspielen ausgibt. Im stillen liebt er die als Fremdenführerin tätige Studentin Camille (Agnès Jaoui), an deren Führungen durch Paris er des öfteren teilnimmt.
Camille verliebt sich aber in den smarten Wohnungsmakler Marc Duveyrier (Lambert Wilson). Sie weiss aber weder, dass der auf den ersten Blick so nette Marc als berechnender, kaltschnäuziger Geschäftsmann ihrer Schwester Odile (Sabine Azéma) eine vermeintliche Traumwohnung andrehen will, noch dass er Simons Chef ist. Simon ist schockiert, als er realisiert, dass die Angebetete mit seinem Chef befreundet ist.
Sein Herz kann Simon bei Nicolas (Jean-Pierre Bacri) auschütten, einem Kunden, der vorgibt, ein reicher Geschäftsmann zu sein. In Tat und Wahrheit arbeitet er nur als einfacher Chauffeur. Immerhin gelingt es Nicolas, mit der gleichen Lügengeschichte auch seine Exfreundin Odile nachhaltig zu beeindrucken.
Odile ihrerseits ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau. In ihrer Oberflächlichkeit lässt sie sich sowohl von Marc, wie auch von Nicolas blenden und bemerkt nicht, wie sie sich immer stärker von ihrem Ehemann Claude (Pierre Arditi) entfremdet.
So wird wird ein feines Netz von verschiedenen Geschichten gespannt, dessen Maschen für die darin verstrickten Figuren immer enger werden. Aber erst am Ende des Films, als Odile in ihrer vermeintlichen Traumwohnung zur grossen Einweihungsparty lädt, fallen im Zusammentreffen der Personen die Masken. Das Verstecken hinter der Maske, die Wahrung des Scheins beziehungsweise die brüske Demaskierung wirken insbesondere dank dem beachtlichen Spiel der hervorragenden Schauspieler sehr glaubhaft.

Pascal Trächslin (gekürzt)

„On connaît la chanson“, Regie: Alain Resnais

Film des Monats April 1998