Conte d´automne
Es mag paradox klingen, für einen Film Partei zu ergreifen, der gänzlich von den Dialogen und einer wechselnden Personenkonstellation lebt. In Eric Rohmers „Herbstmärchen“ gibt es oberflächlich betrachtet wenig spezifisch Filmisches, es ist in diesem Sinn kein Augenschmaus.
„Conte d´automne“ ist der letzte Film von Rohmers Zyklus zu den vier Jahreszeiten. Die Situierung der Personen lässt einen noch im Ungewissen, wohin die Geschichte zielen wird; denn ganz alltäglich und allgemein sind das Zusammentreffen und die anfänglichen Gespräche der eleganten Buchhändlerin Isabelle (Marie Rivière), der aus Tunesien stammenden Winzerin Magali (Béatrice Romand), zweier Jugendfreundinnen, sowie der jungen Studentin Rosine (Alexia Portal). Mit Isabelle und Magali streift der Zuschauer durch Magalis Weinreben im Rhonetal. Dabei sprechen die beiden Mittvierzigerinnen über eine bevorstehende Hochzeit, die Lagerzeit des Weins, das Unkraut zwischen den Weinstöcken.
Eine weitere Fährte legt Rohmer aus, als er Rosine, die Freundin von Magalis Sohn Léo (Stéphane Darmon), mehr von dessen Mutter schwärmen lässt als von ihm selbst. Die Studentin Rosine ist eine gross gewachsene, dennoch zarte, dunkelhaarige Schönheit, die ganz besonders ihren Philosophieprofessor Etienne (Didier Sandre) für sich begeistert. Doch über die Affäre mit ihm ist Rosine scheinbar hinweg und will ihn erst wieder sehen, wenn er seine „Frau fürs Leben“ gefunden hat.
Sobald das Beziehungsgeflecht einigermassen skizziert ist, indem stets zwei Personen im Gespräch miteinander belauscht werden, macht sich der Regisseur langsam aber bestimmt daran, die Schlinge um die Hauptpersonen zuzuziehen. Um die verwitwete Magali, die sich zwar einen Lebenspartner wünscht, dem Glück aber nicht nachhelfen will, drehen sich fortan alle Figuren. So sehen wir in fast dokumentarischen, diskret beobachtenden Einstellungen die Buchhändlerin Isabelle, die kurzerhand eine Kontaktanzeige für Magali veröffentlicht, die „Angebote“ sichtet und sich mit dem passendsten Interessenten trifft. Derweil kommt Rosine auf die Idee, ihren zurückgewiesenen Verehrer Etienne auf ihre Freundin Magali aufmerksam zu machen. Und so steuert alles auf die bevorstehende Verkupplung der vereinsamten Magali mit entweder einem etwas scheuen, höflichen Anwalt oder dem eher auf junge Schülerinnen abonnierten Philosophieprofessor Etienne zu.
Rohmer entwickelt die Spannung lediglich aus den Dialogen und den Abfolgen der Szenen. So bekommen die Bilder und die Erzählweise, die beinahe zufällig wirken, einen ausgeklügelten, streng komponierten Hintergrund. Da erstaunt es nicht, dass man auf jenen Moment gespannt ist, als die zu Verkuppelnde auf einer Hochzeit die zwei Bewerber trifft. Die Spannung liegt darin, dass sie vom einen weiss, vom anderen dagegen nicht. Gleichzeitig bestätigt dies Rohmers liebevollen Blick auf seine Figuren, die einem inzwischen vertraut geworden sind. Dass er das potentielle Paar dann nicht gleich ins Happy-End entlässt, ist nur logisch; die beiden müssen sich erst beschnuppern – mit Worten natürlich – und legen sich dabei wieder selbst Steine in den Weg.
Wer eine äussere Handlung liebt, wird durch diese melancholische Wortkomödie bestimmt nicht bedient. Doch wer sich auf das intellektuelle Spiel um philosophische Worte und nicht ganz dazu passende (weil allzu menschliche) Handlungen einlässt, hat bestimmt grossen Spass und kann den märchenhaften Titel augenzwinkernd verstehen. Rohmer lässt nämlich die Kühltürme eines nahen Kernkraftwerks die sonst malerische Landschaftsidylle durchbrechen. Die Liebe in Magalis Herbst des Lebens immerhin ist ebenso märchenhaft wie real.
Daniel Däuber (gekürzt)
„Conte d´automne“, Frankreich 1998, Regie: Eric Rohmer
Film des Monats Oktober 1998
