Blutige Passion
Die Aussage konzentriert sich dabei vollständig auf das Opfer: Stellvertretend für alle Menschen ist Christus am Kreuz gestorben. Für die Darstellung der Leidensgeschichte sind Gibson alle filmischen Mittel recht.
Es ist wahr, dass dieser Film ein brutales und drastisches Passionsspiel ist. Aus dem persönlichen Glaubensbekenntnis des Hollywood Stars Mel Gibson ist ein Kinofilm entstanden, der effektvoll die letzten Tage im Leben von Jesus in Szene setzt. Versucht man sich aus den spekulativen Diskussionen während der Produktion des Films zu befreien, dann kommt die Auseinandersetzung mit einem zentralen Geheimnis des christlichen Glaubens zum Vorschein: Die radikale Deutung des Todes Jesu als ein Opfer, das gleichzeitig eine Erlösungstat für die Menschheit ist.
Problematisches Opferverständnis
Gibson interessiert sich für das gewaltige Opfer, das Jesus im Vertrauen auf Gott bringt. Dieser Mann aus Fleisch und Blut wird geschlagen, geschunden, erniedrigt, gegeisselt und ans Kreuz genagelt, bis er zerfetzt und blutüberströmt stirbt. Die drastische Darstellung der Folter durch die römischen Soldaten übertrifft alles, was es bisher im Sandalenfilm gab. Gibson nimmt die Aussage „Dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird“ wortwörtlich und treibt sie in der Kreuzigung auf den Höhepunkt. Das ist die Stärke und zugleich die Schwäche des Filmes. Gibson nimmt den Leidensweg Christi radikal ernst und zeigt ihn detailgetreu. Er veranschaulicht auch, wie nahe Gewalt und Opfer zusammengehören. Dabei übersieht er jedoch, dass es nicht darauf ankommen kann, die Grösse des Opfers in der Menge vergossenen Blutes und der Zahl der Wunden zu messen. Der Sinn des Opfers ist vor dem Hintergrund der „guten Nachricht“, dem Evangelium vom anbrechenden Gottesreich, zu verstehen.
Gewalttätige Passion
Zwar werden entlang der Passionsgeschichte immer wieder Rückblenden aus dem Leben von Jesus gezeigt, doch ergibt sich insgesamt ein Ungleichgewicht zwischen den breit ausgemalten Gewaltbildern und den auf wenige Zitate geschrumpften Kern der Botschaft Jesu. Deshalb ist es wichtig, diesen Film als eine Darstellung von Jesus Christus unter anderen möglichen Darstellungen im Kino zu verstehen. Gibson stellt in „The Passion of the Christ“ wichtige theologische Fragen, doch ist er weit davon entfernt, gültige Antworten zu geben. Problematisch ist dabei, wie er sein Publikum unvermittelt in die Leidensgeschichte hineinzieht. Die Gewaltdarstellung ist durch ihren Realismus überwältigend. Die Verwendung von Aramäisch und Latein, den beiden wichtigen Sprachen in dieser Epoche, sowie die naturalistischen Dekors unterstreichen diese Wirkung. Wer einmal in diesem Film drinsitzt, erlebt fasziniert und erschrocken die Gewalt am eigenen Leib.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
| Gegen das Judentum?
Bereits bei der Entwicklung des Drehbuches, das von Mel Gibson und Benedict Fitzgerald stammt, wurde dem Film Antisemitismus vorgeworfen. Das bestätigt sich nun im fertigen Film nur in abgeschwächter Form. Gibson und Fitzgerald kann höchstens eine gewisse Naivität bei der Übernahme der biblischen Erzählungen vorgeworfen werden. Dort wird nämlich die Beteiligung der Juden am Prozess gegen Jesus herausgestellt. Zugute halten kann man den beiden Autoren, dass sie immer wieder Figuren hervorheben, die sich von der allgemeinen Hysterie absetzen. Zum Beispiel Simon von Cyrene, der versucht, dem grausamen Treiben Einhalt zu gebieten. Diese Abstufungen in der Figurenzeichnung geben zu erkennen, dass Gibson keine antisemitische Hetzkampagne beabsichtigt. Dennoch verschwindet damit nicht die mögliche Wirkung der negativen Bilder von Juden. Problematisch bleibt, dass sich Gibson nie von den offen antisemitischen Äusserungen seines Vaters distanziert und auch die Befürchtungen jüdischer Organisationen nicht ernst genommen hat. |
Links:
- http://www.kath.ch/aktuell_detail.php?meid=26185 (Text im Blick vom 6. März)
- https://www.medientipp.ch/passion.htm
- http://www.passion.film.de
- http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k20_EverschorFranz.html (Artikel von Franz Everschor im Medienheft, Juli 2003)
Hinweis:
- Mittwoch, 17. März um 22.45 Uhr auf SF1: „ch:filmclub“. The Passion of the Christ – Glaubensstreit auf der Leinwand
- Sonntag, 28. März um 10.00 Uhr auf SF1: „Sternstunde Religion“. Die Passion Christi – ein Film provoziert Glaubensfragen. Ein Gespräch mit dem Neutestamentler Ulrich Luz und dem Filmexperten Charles Martig
