Zwei Stunden in Jerusalem

Ohne die gute Stube zu verlassen, konnten Zuschauerinnen und Zuschauer am Samstag, den 12. April durch das TV- und Webprojekt «24h Jerusalem» einen Tag in der Heiligen Stadt miterleben. Ein Erlebnisbericht.

Es ist grau an diesem Samstagmorgen in Zürich. Kurz nach 8:00 Uhr schalte ich den Fernseher ein, um mich in die israelische Hauptstadt entführen zu lassen und schon sehe ich das Wohnzimmer der jüdisch-orthodoxen Familie Piltz. Während Tzipora Piltz ihre neun Kinder für Schule und Kindergarten fertig macht, berichtet die Stimme aus dem Off, dass ihr Haus in einem arabischen Viertel steht und von Wachleuten beschützt werden muss. Die nächste Szene wurde jenseits der Mauer gefilmt, so der Kommentar. Dort ruft Schulleiterin Terry Boulata ihre palästinensischen Schülerinnen und Schüler zum patriotischen Morgenappell. Während die Kinder ein Lied über die Heimat ihrer Väter singen, erinnere ich mich an das Webangebot und schnappe mir ein Tablet.

Es dauert einen Moment, bis ich mich auf der Seite zurechtfinde. Ich gebe die Uhrzeit ein und schon erscheint auf dem Bildschirm ein Foto von Terry Boulata mit zwei Sätzen über ihre Person. Unter dem Reiter Protagonisten finde ich noch die Information, dass Tzipora Piltz die Anzahl ihrer Kinder ebenso wie die Besiedlung des Landes für ihre Pflicht hält. Mich beschleicht die Ahnung, dass eine Begegnung zwischen Frau Piltz und Frau Boulata wenig harmonisch verlaufen würde.

Während der Dauerpilger Bogdan Oralbekov und der Koch Johnny Goric bei ihrer morgendlichen Routine gezeigt werden, erscheinen alle paar Minuten auf dem Tablet kurze Informationen zu den porträtierten Personen oder Orten, Hinweise auf statistische und historische Fakten oder klärende Kartenausschnitte. Allein mit dem Angebot des Webportals könnte man sich sicher mehrere Stunden beschäftigen.

Mit leerem Magen ist es allerdings nicht ganz einfach, das Geschehen auf dem Fernsehschirm und die ständig neuen Informationen auf dem Tablet gleichzeitig zu verfolgen. Beim französischen Korrespondenten Philippe Agret und seiner Familie gibt es Frühstück und auch ich bekomme Hunger. Statt Hummus und Pita gibt es bei mir in Zürich Gipfeli zum Frühstück und ich klinke mich für eine Weile aus.

Abends schalte ich den Fernseher wieder ein und synchronisiere das Tablet. Mittlerweile ist es dunkel in Jerusalem. In einem Hostel gibt Michael Grailsammer ein Konzert, dazwischen werden Szenen aus dem Wohnzimmer von Ruth Bach gezeigt. Auf dem zweiten Screen ist zu lesen, dass die 90-Jährige als Jugendliche mit ihrer Familie von Berlin ins Gelobte Land flüchtete. Die rührende, elegant gekleidete Dame berichtet von ihrem Neuanfang in Westjerusalem. Kontrastiert werden ihre Worte von Abu Issam, 85 Jahre alt, der in seinem Haus in Ostjerusalem von der Flucht seiner Familie aus ihrem Heimatort erzählt. Traurig zeigt er den Schlüssel zu seinem Elternhaus, den der all die Jahre in der Hoffnung auf Rückkehr aufbewahrt hat. Die Gegenüberstellung dieser beiden exemplarischen Schicksale stimmt nachdenklich.

Die nächsten Episoden stellen Konflikte ins Zentrum: Der Schweizer UN-Mitarbeiter Christoph von Toggenburg untersucht einen Vorfall an einen Checkpoint, während in mehreren Einblenden der Taxifahrer Benzi Ben Shoam vom Tod seiner Schwester bei einem Selbstmordattentat berichtet. Auf dem Tablet erfahre ich, dass die Angst vor erneuten Anschlägen gross ist.

Auf diese ernsten Szenen folgen Impressionen des bunten Nachtlebens, Bilder einer palästinensischen Hochzeitsfeier und das Schliesszeremoniell der Grabeskirche. Es ist spät und ich beende den medialen Kurztrip in die Heilige Stadt mit einem widersprüchlichen und vielseitigen Mosaik aus Geschichten, Orten und Menschen. Während ich Fernseher und Tablet ausschalte, denke ich an meine Reise nach Jerusalem vor einem halben Jahr. Es fühlt sich tatsächlich ein wenig so an, als wäre ich heute an zwei Bildschirmen noch einmal kurz dorthin zurückgekehrt – gefehlt hat eigentlich nur das feine Essen.

Laura Lots, Praktikantin Medientipp
laura.lots@medientipp.ch


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