„Wort zum Sonntag“: Langsame Worte in einer Welt der schnellen Bilder

Anemone Eglin und Ralph Kunz, die beiden reformierten Sprechenden, geben nach zwei Jahren den Stab weiter. Hat sich ihr Einsatz gelohnt? Ein Rückblick.

Eine aus Holz geschnitzte Brienzer Kuh liegt auf dem Kopf, Symbol für eine verfehlte Politik der europäischen Landwirtschaft. Was lässt sich aus christlicher Sicht zu BSE sagen? Ralph Kunz hatte sich zum Ziel gesetzt, gesellschaftlich relevante Fragen aufzuwerfen, im Schnittpunkt zwischen Tagesschau und Fernseh-Unterhaltung. Er setzte Bilder und Gegenstände ein, um schwierige Sachverhalte einfach auszudrücken. Rückblickend stellt er fest, er habe Chancen und Grenzen eines für ihn neuen Mediums entdeckt. Es sei sehr wohl möglich, über das Fernsehen das Evangelium zu kommunizieren. Das Seenachtsfest in Zürich bot ihm eine dankbare Gelegenheit, Freude am Feiern mit der Frage nach dem Vergänglichen zu verbinden.

Rote Rosen liegen in den Händen von Anemone Eglin. Das vermeintlich romantische Bild entwickelt sich zunehmend zum brisanten Appell, „faire Blumen“ zu kaufen. Die Zürcher Theologin zeigt die Spannung auf zwischen den schlechten Arbeitsbedingungen der Rosenpflückerinnen – sie müssen um die minimalsten Rechte kämpfen – und den sanft wirkenden Blumen, die für Zuneigung und Liebe stehen. Anemone Eglin plädierte für den Kauf von Blumen, die in sozial gerechten und umweltverträglichen Plantagen produziert werden. Ihr Ziel beim „Wort zum Sonntag“ war, aktuelle Themen aus dem gesellschaftlichen Leben aufzugreifen und christlich-religiös zu bedenken. Immer wieder betonte sie am Bildschirm die christliche Sicht und setzte sich ein für Toleranz und für die Würde jedes Menschen.

Anemone Eglin und Ralph Kunz erlebten, dass es „das Publikum“ so nicht gibt; man könne es nicht allen zugleich recht machen. Dies zeigten die unzähligen Reaktionen von Bekannten und Unbekannten. Anemone Eglin erläutert: „Am schwierigsten waren für mich Briefe, in denen fest zementierte Vorurteile z.B. gegen Ausländer, im Besonderen gegen Muslime, geäussert wurden. Erschreckend waren auch Zuschriften, in denen mir Meinungen aggressiv, beinahe Hass erfüllt entgegen kamen. Ich habe jeden Brief beantwortet und bemühte mich um einen versöhnlichen, sachlichen Ton. Ob das etwas ändert, ist für mich jedoch mehr als fraglich.“

Die beiden Sprechenden waren auch mit den Ereignissen konfrontiert, die manchem Sonntag vorausgingen. Der Terroranschlag in New York, das Attentat in Zug, der Brand im Gotthard-Tunnel, das Debakel um die Swissair und der Absturz der Crossair-Maschine sind lediglich die bewegendsten Katastrophen der vergangenen Monate. Was soll man dazu sagen? Sollte man nicht besser schweigen? Doch die 800´000 Zuschauenden erwarteten vom „Wort zum Sonntag“ tröstende, aufmunternde, und begleitende Worte. Ralph Kunz: „Es gibt Situationen, in denen eigentlich Schweigen angesagt wäre. Trotzdem ist ein Wort verlangt, ein Wort, das schweigen lässt und nicht zerredet. Und ein solches Wort ist schwer zu finden.“

Das „Wort zum Sonntag“ ist kein Stammtisch, an dem lautstark verhandelt wird, um die Thesen schnell wieder zu verwerfen. In den Reaktionen der unbekannten Zuschauer war Dankbarkeit spürbar dafür, „dass man etwas gesagt hat, das hilfreich und klärend war“. Für Ralph Kunz war erhellend zu realisieren, „wie viel Kraft langsame Worte haben können, und dies in einer Welt, die nach schnellen Bildern giert.“

Für Anemone Eglin war herausfordernd, den hohen Rhythmus eines monatlichen Sendetermins durchzuhalten: „Es galt jeden Monat ein aktuelles Thema zu finden, daran zu arbeiten, das Wort prägnant zu formulieren und es dann zu gestalten, vom Sprechen über die Mimik bis zur passenden Kleidung. Bei der Aufnahme musste ich die notwendige Spannung erzeugen und das Wort möglichst spontan wirken lassen, obwohl jeder Satz eingeübt war. Ich musste auch lernen, die darauf folgende Müdigkeit anzunehmen, und schon bald hatte ich das nächste Thema aufzugreifen.“

Nach zwei Jahren Medienarbeit ist für die beiden Sprechenden klar: Der Aufwand hat sich gelohnt. „Die Popularität von ´Wort zum Sonntag´ zeigt mir“, so Ralph Kunz, „dass ein Kommentar aus christlicher Sicht in der säkularen Öffentlichkeit durchaus gefragt ist. Wir sollen unsere Theologie, unseren Glauben, und unsere Sicht der Dinge nicht verstecken. Nein, ganz anders: wir sind gefragt als Interpreten der Gegenwart.“

Martin Peier-Plüss, Radio- und Fernsehbeauftragter der Reformierte Medien
 
 
Die Pfarrerin Anemone Eglin und Pfarrer Ralph Kunz, Professor für praktische Theologie, haben in den vergangenen zwei Jahren auf Schweizer Fernsehen DRS als Sprechende die Sendung „Wort zum Sonntag“ bestritten. Sie taten dies zusammen mit den Katholiken Sr. Ingrid Grave und Xaver Pfister, sowie Hans Gerny, dem ehemaligen Bischof der Schweizer Christkatholiken. Ab 1. Juli 2002 bilden das neue Team: Luzia Sutter Rehmann, Niklaus Peter (ref.), Dorothee Buschor, Odilo Noti (röm.-kath.)

Neue Sprecherinnen und Sprecher beim „Wort zum Sonntag“:
https://www.medientipp.ch/index.php?na=4,4&meid=32223