Wolke 9
Unerwartet ist der Einbruch von unverhüllter Leidenschaft im Leben von Inge, die seit 30 Jahren ein einengendes Eheleben und Rentnerinnendasein geführt hat. Als sie sich in den 76-jährigen Karl verliebt, gerät ihr gleichförmiges Leben aus der Bahn. Sie geniesst die Treffen mit dem humorvollen und liebenswürdigen Partner und leidet gleichzeitig unter Schuldgefühlen. Ihre Entscheidung, aus der ehelichen Wohnung auszuziehen hat fatale Folgen für ihren Ehemann.
Andreas Dresens Inszenierung einer Dreiecksbeziehung ist zärtlich und mutig gestaltet. Er lässt vor allem die Konventionen hinter sich, die dem Sexleben jenseits der Sechzig immer noch auferlegt sind. Er nähert sich den gealterten, wunderbaren Darstellern mit grosser Natürlichkeit und der für ihn typischen Wirklichkeitsnähe. Der Film beeindruckt durch die vielen stillen Momente und die Improvisationen vor der Kamera, in denen das Leben in vollen Zügen und mit allen Konsequenzen gelebt wird. Die Bilder von Dresen sind körnig, ungeschönt realistisch und fast dokumentarisch. Sie enthalten eine gesellschaftliche Sprengkraft, weil sie auf das verlegene Wegblenden verzichten. Denn die Darstellung von Sex im Alter ist eines der letzten Tabus in der skandalhungrigen Bildindustrie. „Wolke 9“ ist ein Versuch, dieses Tabu mit einem ehrlichen Blick zu überwinden.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
„Wolke 9“, Deutschland 2008, Regie: Andreas Dresen, Besetzung: Ursula Werner, Horst Rehberg, Horst Westphal; Verleih: Filmcooperative Zürich, Internet: http://www.filmcoopi.ch, Filmwebsite: http://www.wolke9.de
Kinostart: 9. Oktober 2008
