Wettstreit der Kathedralen. Die Gotik

1144 wird die Kirche St. Denis bei Paris eingeweiht. Der Bau versetzt die Menschen in ungläubiges Staunen: Licht, Glas, Spitzbögen und Kreuzrippen. «Es werde Licht!» – das ist die Botschaft, die von dieser Kirche ausgeht und eine ganze Epoche dazu anspornt, immer grössere und lichtere Kathedralen zu schaffen: die Gotik. Das gotische Bauprinzip stachelt die mittelalterlichen Baumeister zu immer tollkühneren Konstruktionen an. Immer lichtdurchfluteter sollen Räume werden, immer höher zum Himmel aufstreben. In den folgenden hundert Jahren werden mehr als 20 gotische Grosskirchen in der Region rund um Paris entstehen. Kaum eine Generation braucht es, bis der Sog dieser Entwicklung auch entferntere Gebiete ergreift: Freiburg, Strassburg und Ulm, wo die weltgrössten Kathedralen ihrer Zeit entstehen. Für Adel und Bischöfe stellen die prachtvollen Bauwerken ideale Möglichkeiten dar, ihr Renommee und ihre Macht zu demonstrieren, und auch das Bürgertum, eine Gesellschaftsgruppe, die man bis ins 12. Jahrhundert noch kaum auf der Rechnung hatte, interessiert sich zunehmend dafür