Wenn alles plötzlich ganz anders ist

Am 26. August kommt ein neuer Spielfilm von Stefan Haupt ins Kino, er ist der Film des Monats September der kirchlichen Filmbeauftragten der Schweiz. In „How about love“ lässt sich ein Arzt nicht nur spontan auf die improvisierten Verhältnisse in einem burmesischen Flüchtlingscamp ein, sondern verliebt sich noch dazu. Eine Dreiecksgeschichte und das Thema internationaler Solidarität und tätiger Nächstenliebe, geht das zusammen? Christine Stark, Filmbeauftragte der Reformierten Medien, hat sich mit dem Zürcher Regisseur unterhalten.

Nach einigen Dokumentationen haben Sie wieder einen Spielfilm gedreht. Wie kam es dazu?
Der Film ist für mich insofern ein Novum, als er wirklich ein fiktionaler Film ist. Meine bisherigen Spielfilme basierten auf wahren Begebenheiten. Aber hier hatte ich einfach eine Idee, die eines Tages ganz klar vor mir stand: Da ist dieser Schweizer Arzt, der in Asien bei einer tollen Arbeit hängen geblieben ist und nach Hause kommt. Und dann fliegt an einem Fest, das seine Frau als Überraschung für ihn macht, auf, dass er sich dort unten verliebt hat. Damit ist die Ambivalenz dieser Figur gegeben: Er will eigentlich etwas Gutes, aber ihm passiert etwas, das ihn aus der Bahn wirft.

Ein Mann zwischen zwei Frauen. Muss es Fritz dafür ausgerechnet nach Thailand verschlagen?
Müsste es nicht, die Situation zwischen zwei Leben könnte natürlich auch nur in der Schweiz spielen. Aber für mich geht es um mehr als nur eine Dreiecksgeschichte. Als ich am Drehbuch arbeitete, kam auch die Frage auf, ob es nun eine Dreiecksgeschichte ist oder eine humanitäre Sache. Aber immer, wenn ich das dann durchgedacht und ausprobiert habe, bin ich wieder auf die Verquickung von beidem zurückgekommen, denn in dieser Konstellation finde ich es noch viel unauflösbarer und spannender.

Wie fiel die Wahl auf Asien?
Asien war für mich von Anfang an gesetzt. Bei den Recherchen kristallisierte sich dann ziemlich schnell das Grenzgebiet zu Burma als Handlungsort heraus. Im Nachhinein habe ich gemerkt, dass wohl auch persönliche Erfahrungen von vor 30 Jahren eingeflossen sind. Meine Eltern hatten damals Flüchtlinge aus Kambodscha aufgenommen.

Wie kam das?
Das Heks hatte seinerzeit eine sogenannte Freiplatzaktion: Immer wenn eine Gruppe von Menschen eine Tagesstruktur und einen Platz für einen Flüchtling garantieren konnten, durften wieder Verfolgte des Pol-Pot-Regimes nachkommen. Ich erinnere mich noch stark an die beiden von ihren Erlebnissen gezeichneten Kambodschaner bei uns zu Hause. Sie waren in den Wäldern umhergeirrt und hatten dort schauerlichste Sachen miterlebt und gesehen; Vergewaltigungen, Verstümmelungen usw.

Obwohl der Film grösstenteils in Thailand spielt, steht ganz klar Fritz im Zentrum. Gerät das Flüchtlingselend damit nicht nur zur Kulisse?
Überhaupt nicht. Ich habe mich einfach entschieden, mit der Figur von Fritz uns selbst ins Zentrum zu stellen. Es gibt ja bereits etliche Dokumentarfilme, die Gräueltaten explizit thematisieren. Mir scheint es, wir sind es schon gewohnt, solche Film zu sehen. Dann verlassen wir das Kino und sind erschüttert über die Grässlichkeit dieser Welt. Doch die Frage, was das genau bei uns verändert, die interessierte mich in diesem Fall speziell.

Und was möchten Sie erreichen?
Ich wollte einfach diesen anderen Fokus wählen, den wir meistens ausblenden: Was macht das mit unserer Hauptfigur, was macht das mit uns? Ich hab keine Lösung dafür, aber ich wollte es zugespitzt erzählen, damit vielleicht unser innerer Raum grösser wird und wir einen neuen, offeneren Blick auch auf unsere Realität hier werfen können.

Eine Nebenrolle, an der man sich reiben kann ist der Vater von Fritz, ausgerechnet ein Pfarrer. Wie kam es zu dieser Idee?
Die ganze Vaterszene hat mich selbst überrascht, sie ist mir beim Schreiben einfach so gekommen. Ich fand es eine spannende Idee, dass Fritz seinem Vater vorwirft, dass er immer für alle andern da war, nur nicht für seine eigene Familie. Und nun schlittert Fritz selber eins zu eins – wie es im Leben so passiert – in genau dieselbe Schiene hinein, ja noch extremer, und ohne es zu merken …

Aber warum ausgerechnet ein Pfarrer?
Von meiner Herkunft her habe ich eine grosse Nähe zur Kirche, meine Eltern waren als Kirchenchordirigent und Organistin in der EMK aktiv. Ich selbst habe viel Ambivalentes in der Kirche erlebt. Einerseits eine sehr tiefe, sehr seelenvolle Gemeinschaft, wie ich sie sonst fast nur durch die Musik erlebt habe. Hier war etwas anwesend, was im sonstigen Leben meist fehlte. Aber gleichzeitig war da auch vieles einengend. Gerade in Bezug auf Liebe. Da habe ich oft fixierte Vorstellungen wahrgenommen, aber keine gelebte Realität. Diese kirchlich gepredigte Liebe fand ich unausgewogen: Aggression oder Hass durfte es nicht geben. Aber wo gehen dann diese Gefühle hin? Vor diesem Hintergrund entstand die Figur des Pfarrers.

Ja, wie ist das denn nun mit der Liebe?
Das bleibt wohl eine offene Frage, denn bei Liebe geht es immer um mehr als um Verliebtheit. Liebe entfaltet sich auch in Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Empathie, erotischer Liebe. Eigentlich ist „How about love“ ein Film über das Erwachsensein. Wenn man sich eingerichtet hat, es mal so gut ist, wie es ist. Und dann passiert plötzlich etwas, was einen total herausfordert, dieses Erwachsensein zu überprüfen.

Christine Stark, Filmbeauftragte Reformierte Medien
christine.stark@ref.ch

Filmografie von Stefan Haupt

Film des Monats