«Was, ihr seid in Cannes?»
40 Jahre ökumenische Jury. 40 Jahre ökumenische Präsenz auf dem wichtigsten und grössten Filmfestival weltweit. Immer noch staunt die grosse Mehrheit der Gesprächspartner, wenn von dieser besonderen Form kirchlicher Arbeit gesprochen wird.
«Was, ihr seid in Cannes? Finde ich ja toll, wusste ich aber gar nicht.» Die Wahrnehmung wurde in diesem Jahr besonders durch begleitende Aktivitäten gestärkt. Das Sonderheft mit Vorwort des Festivalpräsidenten Gilles Jakob sowie der Auflistung aller Preise der vergangenen Jahrzehnte ist ein beeindruckendes Zeit-Dokument. Die Gebrüder Dardenne wurden mit der Verleihung eines Sonderpreises für ihr bisheriges Filmschaffen gestärkt. Jurymitglied Bischofs Mgr. Herve Giraud, der in der katholischen Bischofskonferenz Frankreichs für die Medienarbeit zuständig ist, sorgte auch für mediale Präsenz und wies eine hohe Interview- und Gesprächsdichte auf. Twitter-geschult hiess es dann bei ihm zumeist: «Drei Katholiken, drei Protestanten, drei Männer, drei Frauen. Wir sind mit dem ökumenischen Stand auf dem Filmmarkt und auch sonst mittendrin: Im Wettbewerb und der Sektion A Certain Regard. Dafür stehen wir: Expertise und Liebe zum Film und zur zeitgenössischen Beschäftigung mit der biblischen Botschaft.»
Die diesjährige Jury war gut ausgewählt. Neben dem Bischof noch die Präsidentin von Interfilm, Pastorin Julia Helmke und Jaques Champeaux, der Präsident der französischen Filmcluborganisation Pro-Fil, einem wichtigen Partner von Interfilm. Dann der katholische Jurykoordinator für alle ökumenischen und Signis-Jurys, der Belgier Guido Convents sowie die frühere Leiterin der Abteilung für Kommunikation im Weltkirchenrat und dem Reformierten Weltbund, Kristine Greenaway aus Kanada sowie die Anthropologin und Filmsoziologin Maria Jose Ordonez Martinez aus Equador.
Zum Wettbewerb: Es ist immer wieder berührend im Saal mit Hunderten der wichtigsten Filmjournalisten weltweit zu sitzen. Über 5000 sind jährlich in Cannes akkreditiert, allerdings mit unterschiedlich guten Zugangsmöglichkeiten zu den Kinosälen. Dann kommt der Trailer, der seit vielen Jahren derselbe ist: Rote Stufen und blauer Hintergrund. 24 Stufen geht es hinauf. Sie beginnen im Wasser und enden unter dem strahlenden Sternenhimmel. 24 Bilder pro Sekunde beträgt die durchschnittliche Bildfrequenz im Spielfilm. 24 Stufen schreiten die Stars allabendlich zum Grand Theatre Lumiere im Blitzlichtgewitter der Fotografen hinauf. Von der Erde bis zum Himmel reichte auch die Himmelsleiter des Jakobs, der im ersten Buch Mose davon träumt, zu Gott hoch zu steigen, aber dann steigt ein Engel herab und kommt zu ihm, ihn zu erleuchten und zu verändern.
Voilà, und schon sind wir mittendrin in dem, was ökumenische Juryarbeit ausmacht. Der erste Film, der dieses Jahr gezeigt wurde, blieb so eindrücklich im Bildgedächtnis der Jury, dass sie ihn auch zum Preisträger wählten: «Timbuktu» von Abderrahmane Sissako. Ein Film, der mit einer gehetzten Gazelle beginnt und einem Off-Gespräch: «Lasst sie uns nicht töten, nur ermüden.» Ermüdet sind auch die Einwohner von Timbuktu. Sie leben als Nomaden um die Stadt, sie leben als Fischer und Marktfrauen, als jugendliche Fussballfans oder betörende Sängerinnen. Aber sie dürfen nicht singen, nicht Fussball spielen, sie werden in ihrer Lebensweise, ja ihrem Leben bedroht von Machthabern, die ein eigenes Verständnis von Religion unbarmherzig und extremistisch durchsetzen. So wird gesteinigt und zwangsverheiratet und selbst der Imam wird in seiner Auslegung des Koran unterbrochen. Dennoch ist die menschliche Widerstandskraft da und ein tiefes «Ja» zum Leben. «Timbuktu» führt uns in betörenden Bildern, in der Balance von komischen und tragischen Momenten in eine Welt, in der «die Religion, die Liebe, die Menschlichkeit in Geiselhaft genommen worden ist», so die Worte des Regisseurs bei der Preisverleihung. Er sprach von der Hoffnung, dass diese Geiselhaft nicht unendlich sein kann und es auch an den Zuschauerinnen und Zuschauern liegt, diesen bedrückenden Zustand zu verändern.
Die Verzweiflung über das, was Menschen einander antun und die Hoffnung und Kraft, die im Medium von Bild und Film liegt, zieht sich auch durch den zweiten ökumenischen Preisträger: «Das Salz der Erde» («Le sel de la terre»/«The Salt of Earth») von Wim Wenders und Juliano Ribeiro Salgado. Dieser Film ist ein Porträt des brasilianischen Fotografen Sebastiao Salgado, eine Hommage an seine Bilder, aber auch eine eindrucksvolle filmische Biographie. Der Mensch an den Grenzen seiner Existenz, die Grausamkeit der Hungerkatastrophen in der Sahelzone, von Genozid und Kriegswirren in Ruanda und im Kongo, dann aber auch die Schönheit, das Geschenk, das Salgado sich und seiner heimatlichen Erde schenkt: Wiederaufforstung. Sie gelingt und mündet in den Bildband «Genesis» über die Wunder der Schöpfung.
Weitere Filme, die in der gediegenen Auswahl dieses Jahres auch bei den Filmkritiken weit vorne lagen, sind sehenswert: «Wintersleep» von Nuri Bilge Ceylan, «2 Tage und 1 Nacht» der Gebrüder Dardenne, der etwas lange «Mr. Turner» von Mike Leigh oder auch das elegisch-schamanische «Still the Water» der Japanerin Naomi Kawase. Auffällig die vielen – und unterschiedlichen – Geschwister- und Eltern-Kind-Beziehungen, die thematisiert wurden, sei es in «Foxcatcher» mit Steve Carrell, Channing Tatum und Mark Ruffalo, sei es bei «Le Meraviglie» von Alice Rohrwacher oder eben auch das furiose und atemlose «Mommy» von Xavier Dolan. Filme, die von der Sehnsucht erzählen, dass es Beziehungen gibt, die tragen. Unbedingt. Ungefragt in all der Beliebigkeit der Welt, trotz aller Komplexität, die der Mensch so in sich trägt. Ein gewisser Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit. Das erklärt vielleicht auch, dass manche doch ein wenig mehr Überraschungen und weniger Ausstattungskino von Cannes 2014 erwarteten. Doch für mich ein Zugang zur Wirklichkeit, ein seismographischer Eindruck der nachhallen wird. Wie auch die Bilder der vielen Tiere, die in fast jedem Film mitspielten, als gejagte, hungernde, als Opfertiere und Familienersatz, als freie Existenzen; als Kreaturen, die real sind und nicht virtuell. Welche Freude, das erlebt zu haben.
Julia Helmke, Jurymitglied in Cannes, Präsidentin Interfilm
juliahelmke@gmx.de
«Timbuktu» gewinnt Preis der Ökumenischen Jury (Medientipp, 26. Mai 2014)
40 Jahre Ökumenische Jury in Cannes (Medientipp, 13. Mai 2014)
