Warum Kirchen Filme fördern

Für die Bildungsarbeit der Kirchen sind Filme von grosser Bedeutung, die gesellschaftliche Befindlichkeiten reflektieren, zur Diskussion anregen und nachhaltig wirken. Der Dokumentarfilm „Vollenweider“ von Theo Stich und der Diplomfilm „Wackelkontakt“ von Ralph Etter sind zwei Fallbeispiele kirchlicher Filmförderung.

Für die Kulturpolitik der Kirchen spielen Musik, Literatur, Theater und Malerei eine wesentliche Rolle. Diese traditionellen Künste sind seit Anfang des 20. Jahrhunderts durch das Engagement für den Film erweitert worden. Eine lebendige Geschichte der kirchlichen Filmarbeit zeugt von diesem Interesse. Seit den 70er-Jahren gibt es auch eine aktive Filmförderung von Schweizer Filmschaffenden. Aktuelle Beispiele dafür sind der Dokumentarfilm „Vollenweider“ von Theo Stich und der Diplomfilm „Wackelkontakt“ von Ralph Etter. Durch ökumenische Preise an den Schweizer Filmfestivals unterstützen die Kirchen zudem wichtige Filme an den Filmfestivals von Locarno und Fribourg. Das Ziel des kirchlichen Engagements ist es, dass Filme gesehen werden, dass sie soziale Wirklichkeiten kritisch aufzeigen und zur öffentlichen Diskussion anregen.

Filme, die sich gesellschaftlichen Befindlichkeiten zuwenden und diese reflektieren sind für die Bildungsarbeit der Kirchen von grosser Bedeutung. Obwohl das filmkulturelle Engagement in diesem Bereich tendenziell abgenommen hat, besteht weiterhin ein Bewusstsein für die Wichtigkeit dieser populären Kunstform. Auf wichtigen Vermittlungsplattformen wie http://www.kulturfoerderung.ch sind christlichen Kirchen weiterhin als finanzielle Ansprechpartner und Veranstalter präsent. So gibt es von der katholischen Kirche im Kanton Zürich (röm.-kath. Zentralkommission) in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Mediendienst eine Nachwuchsförderung für Filmschaffende, die ihre ersten Spiel- oder Dokumentarfilme realisieren. Kantonalkirchen fördern auch Projekte, die einen direkten Zusammenhang zu sozialethischen Themen haben: Arbeitslosigkeit, Lebensethik, Alter und Sterben. Ein eigenständiger aktiver Bereich der Filmförderung besteht bei den Hilfswerken. Eine eigenständige Filmkommission engagiert sich für die Unterstützung von audiovisuellen Produktionen im Themenbereich Nord-Süd (http://www.filmeeinewelt.ch).

Fallbeispiel Todesstrafe

Der Innerschweizer Regisseur zeigt im Dokumentarfilm „Vollenweider – Die Geschichte eines Mörders“ einen exemplarischen Fall zur Todesstrafe. Im zivilen Recht kennt die Schweiz seit 1942 die Todesstrafe nicht mehr. In der Militärjustiz gab es diese Strafform (in Kriegszeiten) bis zum 1. Juli 2003. Erst durch das Inkrafttreten des 13. Protokolls der Europäischen Menschenrechtskonvention wurde die Todesstrafe definitiv abgeschafft. Der aktuelle gesellschaftliche Diskurs über Sicherheit, Bestrafung und Verwahrung von Gewalttätern hat den Innerschweizer Filmemacher Theo Stich motiviert, die Geschichte von Hans Vollenweider dokumentarisch aufzuarbeiten. Vollenweider wurde als letzter Schweizer Bürger im Jahr 1940 in Obwalden nach zivilem Recht hingerichtet. Die Geschichte eines Mörders ist auch die Geschichte einer Guillotine, die im Polizeimuseum aufbewahrt und für den Film nochmals aufgestellt wurde.

Stilistisch erinnert „Vollenweider“ an die „Erschiessung des Landesverräters Ernst S.“, einem Meilenstein des Dokumentarfilmschaffens in der Schweiz. Theo Stich knüpft an der Methode von Richard Dindo an, befragt akribisch und detailgetreu Orte, Gegenstände, Dokumente und Zeitzeugen. Geschichte wird lebendig gemacht. Es entsteht das Porträt eines Mörders mit einer vielschichtigen und widersprüchlichen Persönlichkeit. Vollenweider wollte sein Schicksal selber in die Hand nehmen, verstrickte sich jedoch in ein Lügengebilde und fiel einer unglücklichen Konstellation von Rechtssprechung und politischer Ordnung zum Opfer. Thematisch war dieser Film bereits in der Drehbuchphase für die Kirchen ein wichtiges Projekt. Deshalb haben sowohl die reformierte Landeskirche Zürich als auch die katholische Kirche im Kanton Zürich die Produktion des Films unterstützt.

Fallbeispiel Diplomfilm

Besonders interessant ist die Unterstützung im Nachwuchsbereich. Seit 2002 hat die katholische Kirche im Kanton Zürich ihre Mittel auf Erstlingswerke ausgerichtet. Der Kontakt zu DiplomandInnen an den Hochschulen für Kunst und Gestaltung in der deutschen Schweiz gestaltet sich als gegenseitige Bereicherung. Hier wird Kirche für junge Menschen zum Motivationserlebnis: Sie tritt in Erscheinung als eine Organisation mit kulturellem Engagement, die konkret unterstützend wirkt. Durch die Filme und ihre Auswertung werden Kirchen auch als kulturell ernst zu nehmende Dialogpartner wahrgenommen. Gerade in der professionellen Filmbranche ist diese Anerkennung deutlich wahrnehmbar. Ein gelungenes Beispiel der Nachwuchsförderung ist der Kurzspielfilm „Wackelkontakt“ von Ralph Etter, der als Diplomfilm der Abschlussklasse 2004 an der Hochschule für Kunst und Gestaltung Zürich entstanden ist. Das Porträt über die Beziehung zwischen dem Schulmädchen Sibylle und ihrer senilen Grossmutter (Stephanie Glaser) ist ein gelungenes Porträt einer aussergewöhnlichen Familiensituation. Die kindliche Reaktion auf die „Wackelkontakte“ der Grossmutter ist verständlich und schockierend zugleich: Sibylle schliesst ihr „Grosi“ im Haus ein und versucht ein normales Leben nach aussen aufrecht zu erhalten. Die Nähe in der Beziehung zwischen Grossmutter und Enkelkind sowie die Angst vor dem Bruch ist berührend dargestellt. Ralph Etter wurde für seine Leistung sowohl am Filmfestival Locarno als auch an der Verleihung des Deutschen Nachwuchspreises 2004 in Berlin ausgezeichnet.

Filme sehen und nachhaltig wirken lassen

Das Ziel des kirchlichen Filmengagements ist es, dass Filme gesehen werden, dass sie zur Diskussion anregen und dass sie soziale Wirklichkeiten aufzeigen können. Dank unabhängigen Verleihern wie Frenetic Films, Look Now! oder Filmcoopi wird dies im kommerziellen Kino möglich. „Vollenweider“ wird von Frenetic in den Schweizer Kinos lanciert. „Wackelkontakt“ wird im Schweizer Fernsehen gezeigt und hat eine nicht-kommerzielle Auswertungschance in kirchlichen Medienstellen vor sich. So schliesst sich der Kreis: Filme fördern heisst bei der Produktion finanziell zu unterstützen, damit sie an Filmfestivals kommen und darauf den Sprung in die Auswertung schaffen. Hier setzt wiederum die Bildungsarbeit an, damit die Filme möglichst nachhaltig wirken.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martig@kath.ch
 
 
Links:

Dokumentarfilm „Vollenweider“ von Theo Stich:
http://www.lumenfilm.ch

Diplomfilme der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich:
sfv.hgkz.ch/diplomfilme/2004/index.html

Geschichte der katholischen Filmarbeit:
http://www.medienheft.ch/dossier/bibliothek/d22_MartigCharles.html

Ökumenische Filmjury an den Festivals von Locarno und Fribourg:
http://www.kirchen.ch/filmjury