Von grossen Verlierern und würdigen Gewinnern
Das Internationale Filmfestival in Cannes (11. bis 22. Mai) wartete einmal mehr mit grossen Namen auf. Viele renommierte Regisseure buhlten um den begehrten Hauptpreis – die Palm d´Or. Die Ökumenische Jury war zum 31. Mal in Cannes präsent und fand in der französischen Produktion „Caché“ des Österreichers Michael Haneke einen würdigen Preisträger.
Die Zahl der renommierten Meister des zeitgenössischen Kinos, die zum Stelldichein des diesjährigen Wettbewerbs nach Cannes kamen, war selten so gross und entsprechend hoch waren die Erwartungen. Man erhoffte sich neue Impulse, überraschende Steigerungen und überzeugende Vertiefungen dessen, was sie bisher gezeigt hatten – entsprechend gross war am Ende trotz eines anspruchsvollen Niveaus die Ernüchterung – allerdings nicht nur für das Publikum! Nachdem sie bei der Internationalen Jury unter dem Präsidium des doppelten Palme d´Or-Preisträgers Emir Kusturica die nötige Anerkennung nicht gefunden hatten, verliessen viele der grossen Meister die Côte d´Azur wie geschlagene Helden das Schlachtfeld. Vielleicht waren die Erwartungen zu hoch, denn es ist wohl zu billig, von den Filmemachern über die Problemanzeigen hinaus zugleich auch die Lösungsvorschläge für die zahlreichen und vielschichtigen Konfliktfelder zu erwarten, welche die Zukunft unserer Zeit verdunkeln.
Die grossen Verlierer …
Zu den grossen und ausgiebig diskutierten Verlierern gehört Atom Egoyan mit seinem komplex angelegten und perfekt realisierten Film „Where the truth lies“, in welchem eine junge Journalistin nach fünfzehn Jahren einem Todesfall im Milieu des Showbusiness auf die Spur zu kommen versucht.
Auch Lars von Trier mit „Manderlay“, einem wie „Dogville“ im brechtschen Stil inszenierten Drama, ging leer aus. Der Film thematisiert den gescheiterten Versuch, in einer Gemeinschaft ehemaliger Skalven im tiefen Süden der USA demokratische Verhaltensregeln einzuführen.
David Cronenberg stellte mit „A History of Violence“ eine ebenso spannungsgeladene wie ironische Studie über den schwierigen Versuch eines Ausbruchs aus der Gefangenschaft mafioser Verstrickungen und die Durchbrechung des Teufelskreises von Gewalt und Gegengewalt vor. Auch er wurde bei der Preisverleihung nicht berücksichtigt.
Gus Van Sant mit seinem vom Tod Kurt Cobains inspirierten elegischen Film „Last Days“ gehört auch zu den grossen Verlierern. Auf der Tonspur werden abgesehen vom autistischen Gemurmel des zugedrönten Protagonisten vor allem am Anfang und am Schluss mit geistlicher Musik der Renaissance und unüberhörbaren Glockenklängen unterschwellige Erlösungsbedürfnisse suggeriert.
Wim Wenders hätte für seinen, mit Versatzstücken des Westerns spielenden, Film „Don’t Come Knocking“ durchaus eine Palme verdient. Der Film beginnt damit, dass der alternde Cowboyfilm-Star Howard plötzlich das Set verlässt, um nach seinem 19-jährigen Sohn zu suchen. Eben erst hatte er von seiner Vaterschaft erfahren und es bleibt offen, ob er nicht auch noch eine Tochter hat. Bei dieser Geschichte, die zurück blickt auf die Vergangenheit, spielen die engelgleichen Frauen dreier Generationen eine wichtige Rolle spielen. Es zeigt sich, dass die Geliebte und deren Kinder ihren eigenen Weg gefunden haben und das Bedürfnis nach Versöhnung ist nicht so schnell zu befriedigen, wie erhofft. Wenders mahnt die Väter, erwachsen zu werden.
… und die würdigen Gewinner
Jim Jarmusch mit seiner lakonisch erzählten Geschichte „Broken Flowers“ wurde mit dem Grossen Preis der Jury ausgezeichnet. Er ist ohne Zweifel ein würdiger Preisträger. Warum er aber Wim Wenders vorgezogen wurde, darf trotzdem gefragt werden, denn eine gewisse melancholische Sentimentalität ist beiden Filmen eigen, und immerhin geht mit dem von Bill Murray stoisch gespielten Computerspezialisten Don auch hier ein Mann auf die Suche nach seinem vermuteten Sohn. Zwar mag Jarmusch’s Film auf den ersten Blick origineller und unterhaltender wirken als der von Wenders. Das ist aber auch alles.
Die Goldene Palme für das packende Sozialdrama „L’enfant“ der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, die sie bereits 1999 für den Film „Rosetta“ gewonnen haben, ist zwar ebenfalls eine würdige Wahl. Dennoch erfolgte sie eher überraschend und war vor allem deshalb nicht zwingend, weil 2002 ihr weitaus stärkerer Film „Le fils“ (Lobende Erwähnung der Ökumenischen Jury 2002) leer ausgegangen war. Man darf rätseln, ob sich der Titel auf das neu geborene uneheliche Kind bezieht, das der als Kleinkrimineller tätige Vater ohne Wissen seiner jungen Freundin auf dem Adoptionsmarkt verkaufen will, oder auf ihn selbst, denn der Blondschopf Bruno, die Hauptperson des Films, ist ein verantwortungsloser Kindskopf, der früher oder später im Gefängnis landet. Die Reue ist eher erzwungen und kommt spät. Die Hoffnung bleibt in diesem Film ein schwaches Pflänzchen.
Der im Kontext des Wettbewerbsprogramms oft als Kandidat für die Goldene Palme diskutierte und schliesslich bloss mit dem Regiepreis ausgezeichnete Film „Caché“ von Michael Haneke löste nicht nur auf der Leinwand, sondern auch beim Publikum viele Irritationen aus und sorgte für anhaltende Spekulationen über die Frage, wer oder was sich denn hinter dem Geheimnis der anonym auftauchenden Videoaufzeichnungen verstecken könnte, die das private Leben und berufliche Umfeld eines angesehenen Fernsehpräsentators immer stärker zu stören beginnen. Die Filme und die als Verpackung dienenden Zeichnungen wecken unverarbeitete Kindheitserinnerungen, über die der Fernsehmoderator selbst mit seiner Frau nicht sprechen will. Die Aufnahmen führen ihn auf die Spur eines verleugneten Algeriers aus vergangener Zeit. Dieser freut sich zwar über das Wiedersehen, kann jedoch keinen Kontakt herstellen. „Caché“ wurde mit dem Preis der Ökumenisch Jury ausgezeichnet. „In einem strengen Stil evoziert der Filmemacher die Komplexität der Verantwortung des Menschen gegenüber seiner Vergangenheit und der Geschichte“, lautet, die nach einer langen Diskussion getroffene Entscheidung, bei der sie selbstredend auch andere Filme in Erwägung gezogen hatte, deren Geschichten von Heimsuchungen erzählen, die einen Einzelnen, eine Familie oder eine Gemeinschaft vor schwierige Situationen stellen und die Frage nach verantwortlichem Handeln provozieren.
Nicht wenige Filme drehten sich um vergangene schmerzhafte Erfahrungen, handelten von Schuld und Sühne, erzählten von kürzeren oder längeren Wegen der Reue und Busse (so auch der mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnete Film „The Three Burials of Melquiades Estrada“ von Tommy Lee Jones). Die Bitte um Vergebung war in diesen Tagen auffällig oft zu hören, allerdings häufig in einer wenig überzeugenden ritualisierten Form. Wohl gerade deshalb wirkt Hanekes Film so nachhaltig, weil er sich einer voreiligen Auflösung der Lebenskrise seines Protagonisten entzieht und dem Publikum noch ein Stück Arbeit zumutet.
Hans Hodel, Präsident der Ökumenischen Jury in Cannes 2005
Links:
juryoecumenique-cannes.cef.fr
http://www.festival-cannes.fr
Preis der Ökumenischen Jury
| Preis der Ökumenischen Jury für den Wettbewerbsfilm
„Caché“ von Michael Haneke „Das intime Leben eines Fernsehpräsentators wird durch einen anonymen Beobachter gefilmt. Die entsprechenden Videocassetten, die ihm in regelmässigen Abständen zugestellt werden, beunruhigen und verwirren ihn, weil sie Kindheitserinnerungen wecken und Bezüge zur Tagesaktualität herstellen. In einem strengen Stil evoziert der Filmemacher die Komplexität der Verantwortung des Menschen gegenüber seiner Vergangenheit und der Geschichte.“ Delwende (Lève-toi et marche) von S. Pierre Yameogo Der Film „Delwende“ erhielt eine lobende Erwähnung „für die hoffnungsvolle Geschichte einer mutigen jungen Frau, die sich der repressiven Männerherrschaft ihres afrikanischen Dorfes widersetzt und gewissen abergläubischen Bräuchen Wahrheit und Solidarität entgegenstellt.“ |
