Vom Versuch, erwachsen zu werden

An den 35. Solothurner Filmtagen, die vom 18. bis 23. Januar stattfanden, waren die Teenager ein Thema. Gleich vier Spielfilme zeigten Mädchen und Jungen bei ihrem Versuch, erwachsen zu werden; mal sind sie rotzfreche Gören, mal sensible, einfühlsame Menschen.

Im Erstlingsfilm „Zornige Küsse“ von Judith Kennel wird Lea Hauser (überzeugend gespielt von Maria Simon) von den Eltern gegen ihren Willen in ein katholisches Mädcheninternat ins Engadin gesteckt. Lea denkt aber keineswegs daran, sich in der klösterlichen Enge unterzuordnen. Im Gegenteil: Das trotzige Mädchen heckt mit der Freundin einen Plan aus. Sie wollen den jungen Internatsgeistlichen und Lehrer (ebenso eindrücklich verkörpert von Jürgen Vogel) zur „sexuellen Belästigung“ provozieren. Doch schliesslich kommt alles ganz anders, denn die beiden werden von ihren eigenen Gefühlen überlistet.

Die Luzerner Filmautorin Judith Kennel hat das Internatsleben selbst erfahren, sie ist zwei Jahre lang im Theresianum Ingenbohl zur Schule gegangen. Die in „Zornige Küsse“ geschilderten Zustände im Internat erinnern denn auch eher an vergangene Zeiten. Ein paar originelle Ideen: die Geburtstagsfete in der Sakristei oder die ein Heiligen-Quartett spielenden Nonnen.

Dennoch: Weshalb kann man heute noch Publikum mit einem Film über ein längst antiquiertes katholisches Internatsleben ins Kino locken? Ist es das immer wieder kehrende Thema „Frauen, Priester und Zölibat“? Oder ist es die Geschichte von den pubertierenden Teenagern, die Hals über Kopf ausreissen, um den Duft der grossen weiten Welt zu schnuppern?

Schwache Geschichte

In „Der Onkel vom Meer“ von Marie-Lousie Bless träumt die elfjährige Lisa (Ana Xandry) zusammen mit ihrem kleinen Bruder Willy (Robin Dreja) von der Flucht ans Meer. Zudem schwärmt die freche Göre vom italienischen Schuhmacher Antonio. Das pubertäre Drama spielt in den frühen Sechzigerjahren. Das Ambiente mit „Einmalzin“, „Vivi Kola“, „Opel Record“ und der Zeitung „Die Tat“ stimmt erstaunlich präzis. Doch die Geschichte des Films ist an den Haaren herbeigezogen und überzeugt keineswegs. Die Dialoge sind oft so dilettantisch unbeholfen, dass einem die schauspielenden Kinder leid tun. Vor allem Ana Xandry hätte gewiss noch ganz andere Register ihres jungen Talentes ziehen können.

Sommerzeit

Von einem ganz anderen Kaliber ist der Kurzspielfilm „Summertime“ der 28-jährigen Anna Luif, die in Solothurn den Förderpreis von „Swissimage“ einheimste. Was tut man bloss, wenn man 13 ist und die Sommerferien zu Hause in der Agglomeration von Zürich verbringen muss? Das ist für Nadja (packend gespielt von Marina Guerini) die alles entscheidende Frage. Sie hängt auf öden Plätzen herum, tollt sich im Freibad, stöbert im Bravo und verliebt sich unsterblich in einen attraktiven Flugkapitän.

Die wunderschön erzählte halbstündige Sommergeschichte von Nadja und ihrer Freundin überzeugt durch einen trockenen Humor, durch die verrückt-pubertären Ideen und die erfrischend locker daherkommenden Dialoge. George Gershwins berühmter Song „Summertime“, gesungen vom legendären Louis Armstrong, empfindet die Stimmung der Zeit nach und schafft einen atmosphärisch dichten musikalischen Rahmen. Zu hoffen bleibt, dass die Filmemacherin Anna Luif, welche die Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich absolvierte, sich mit gleichem Elan an ein Langspielprojekt wagt.

Erwachsen werden

Hochverdient hat die in Genf geborene Filmautorin Léa Pool den Schweizer Filmpreis 1999 für den besten Spielfilm erhalten. In „Emporte-moi“ erzählt sie die wunderschöne Geschichte der dreizehnjährigen Hanna (Karine Vanasse), die versucht, eine junge Frau zu werden. Sie steht im Spannungsfeld zwischen ihrem Vater, einem staatenlosen Juden und jähzornigen Schriftsteller, und ihrer zerbrechlichen und blutleeren Mutter. Ihr verständnisvoller Bruder, ihre einzige Freundin Laura und schliesslich ihre Lehrerin, helfen Hanna, ihren Weg zu finden. Das Mädchen erfährt, dass sie in ihren Entscheiden frei ist, aber ebenso verantwortlich dafür, ihr eigenes Leben zu leben.

Der im kanadischen Montreal spielende Film „Emporte-moi“ war unter den vier Teenie-Geschichten sowohl formal und inhaltlich wie auch schauspielerisch die eindrücklichste, feinfühligste, und überzeugendste Arbeit.

Christian Murer
Mitglied der Katholischen Filmkommission