Virgin Tales
Unbefleckt in die Ehe gehen – körperlich, aber auch in Herz und Gedanken: Dies ist das Ziel der Familie Wilson, die die Jungfräulichkeitsbälle im US-amerikanischen Colorado gegründet hat. Als die älteste ihrer Töchter dreizehn wurde, haben die Eltern, eine homeschooling Mother und ihr für seine Ideale unermüdlich reisender Ehemann, den Vater-Tochter-Ball erfunden. Im Film können wir diese jährlich mit grossem Aufwand vorbereiteten Bälle miterleben und verfolgen, wie die Mädchen, in ihren weissen Tutus tanzend, Kranz und Schleier auf das zentral aufgestellte Kreuz hängen. Wir sehen die gerührten Väter und die Ansprachen kleiner Mädchen. Sie versprechen, sich aufzusparen für den Richtigen, den zukünftigen Ehemann, der sein soll wie ihr Daddy. Dabei wirken sie in ihrer Keuschheit befremdlich sexualisiert.
Zwei Jahre lang hat die Schweizer Filmemacherin Mirjam von Arx mit ihrem Team die Wilson-Familie sorgfältig begleitet. Für religiös Interessierte stellt sich dabei die drängende Frage, wie sich das Christentum derart auf bürgerliche Anstandsregeln und «kein Sex vor der Ehe» reduzieren lässt. Was kann nach der Traumhochzeit der Inhalt einer solchen Religion sein? Die Filmemacherin muss sich die Frage gefallen lassen, warum hier – wie so oft in Dokumentarfilmen – Religion nur an ihren exotischen Rändern und in schauriger Verzerrung von Interesse ist.
Brigitta Rotach, Kulturjournalistin
brigitta.rotach@access.uzh.ch
«Virgin Tales», Schweiz 2012, Regie: Mirjam von Arx, Dokumentarfilm; Verleih: Praesens Film AG, http://www.praesens.com, Filmwebsite: http://www.virgintales.com
Kinostart: 7. Juni 2012
Doppelpunkt. Mythos Jungfräulichkeit (7. Juni 2012, DRS1)
