Un conte de Noël

Ein Gespräch zwischen Mutter und Sohn auf der nächtlichen Gartenbank: „Liebst du mich immer noch nicht?“ „Nein, noch nie.“ „Ich dich auch nicht.“ Wenn die Vuillards Weihnachten feiern, kommt selten Harmonie auf: Der älteste Sohn ist ein schwarzes Schaf, das von der ihn verabscheuenden Schwester mittlerweile offiziell aus dem Familienkreis verbannt worden ist; der jüngere Sohn hat eine Frau, die einen anderen liebt. Aber dieses Jahr haben sie sich aus ernstem Anlass doch alle eingefunden: Die Mutter leidet an Leukämie, es muss ein Knochenmarkspender gefunden werden.

Familienzusammenkünfte, Festtage und tödliche Krankheiten: Der französische Regisseur Arnaud Desplechin verrührt in seinem Ensemble-Film all die Ingredienzien für ein Familienmelodram, das so recht aus dem weihnachtlichen Besinnungstopf schmalzt. Er macht ein überbordendes Gemisch von grossen Konfrontationen, witzigen kleinen Vignetten und sorgfältig ineinander geschachtelten Geschichten, das sich durch den lebhaften, wenn auch etwas willkürlichen Gebrauch auffälliger Stilmittel (Zwischentitel, Irisblenden, Ansprachen direkt in die Kamera und sogar ein Schattenspiel) und eine Vielzahl toller Darstellerleistungen auszeichnet. Die Szenen zwischen Catherine Deneuve als Mutter und Mathieu Amalric als verstossenem Sohn sind besonders beeindruckend. „Un conte de Noël“ ist zugleich intellektuell, leicht, lustig, irritierend und so menschlich wie die Provinzfamilie, die den Erzählkosmos dieses Films bildet.

Julia Marx, Filmkritikerin und Filmwissenschaftlerin

„Un conte de Noël“, Frankreich 2008, Regie: Arnaud Desplechin, Darsteller: Catherine Deneuve, Mathieu Amalric, Anne Consigny, Verleih: JMH Distributions SA, Internet: http://www.jmhsa.ch, Filmwebsite: http://www.bacfilms.com/site/conte

Kinostart: 18. Dezember 2008