The Thin Red Line
Nach Steven Spielberg mit „Saving Private Ryan“ (ZOOM – Zeitschrift für Film 10/98) hat nun auch der amerikanische Regisseur Terrence Malick ein dreistündiges Filmepos geschaffen, das eine militärische Mission amerikanischer Bodentruppen im Zweiten Weltkrieg zum Thema hat. Spielberg fand seinen Stoff im Umfeld der alliierten Invasion 1944 an den Küsten der Normandie, Malick 1942 auf der Insel Guadalcanal im Pazifik, dem grössten Eiland der ehemaligen britischen Salomon-Gruppe. In einer Gegend von exotischer Schönheit erhalten Elitesoldaten den Auftrag, eine Hügelkette von japanischen Besatzern zu säubern und damit einen strategisch angeblich wichtigen Brückenkopf des Gegners zu liquidieren.
Malick geht es nicht um die Rekonstruktion authentischer Begebenheiten; sein Drehbuch basiert auf dem 1962 erschienenen Roman „The Thin Red Line“ des im Pazifik schwer verwundeten US-Autors James Jones (1921-1977). Während Spielberg in „Saving Private Ryan“ auf die klassische lineare Erzähltechnik mit wenigen ausgeprägten Charakteren setzte, zielt Malick offensichtlich darauf ab, beim Zuschauer Irritation auszulösen. Sein fragmentarischer Plot ergibt zum Schluss nur ein unfertiges Puzzle, das der Soldat Witt (Jim Caviezel) als Leitfigur durchmisst. Er ist ein Idealist, der sich unerlaubt von der Truppe entfernt, aufgegriffen und zu seiner Einheit zurückgeschickt wird. Und er ist ein moderner Candide im Kampfanzug, hineingeworfen in eine pervertierte Welt.
„The Thin Red Line“ ist eine kühne Kombination von extrem naturalistischer Darstellung über das Hundeleben und elende Sterben von Soldaten, aber auch ein faszinierender Trip in die metaphysische, gar mythologisch verbrämte Sphäre einer Männerclique bar aller Vernunft. Die Bilder von Kameramann John Toll sind exellent, in Off-Kommentaren wird ergänzend über die Existenz philosophiert, und in emotionale stimmigen Rückblenden wird eine verklärte heimatliche Idylle beschworen. Malick hat eine Fülle von Material verarbeitet und erweist sich als besessener Filmgestalter.
Einer ausgeklügelten Dramaturgie folgend setzt er mit trügerisch lichtdurchfluteten oder mystisch vernebelten Landschaften traum- und alptraumhafte Akzente. Und immer wieder symbolstarke Aufnahmen von Vögeln, Echsen, Schlangen oder – zu Beginn – einem Krokodil, das in quälender Langsamkeit ins brackige Flusswasser abtaucht; ein grandioses Leitmotiv für den ganzen Film.
Es gelingt dem Regisseur, den filmisch unzeigbaren Wahnsinn des Krieges wenigstens ahnbar zu machen. Auch darum, weil er die gängigen Klischees des Kriegsfilmgenres einsetzt, sie aber immer wieder bricht. Im Zentrum dreht sich alles um den zur Kriegsmaschine vergewaltigten Soldaten in einer Natur, die ungeachtet aller Schönheit den Zwang zum Töten in sich birgt. Hier weiss Malick sensibel zu inszenieren, etwas, was ihm in Bezug auf die Charakterisierung seiner Figuren nicht durchgehend gelingt, obwohl ein illustres Ensemble (Sean Penn, Nick Nolte, John Travolta u.a.) hier einiges durch engagierten Einsatz wettmacht.
„The Thin Red Line“ (Der Titel verweist auf die amerikanische Redensart „Vernunft und Wahnsinn sind nur getrennt durch eine rote Linie“) hat enorme Sogwirkung, besticht formal als verwegene Mixtur aus Monumentalgemälde, Kammer- und Naturschauspiel. Malick hatte den Mut, auf dem schmalen künstlerischen Grat zwischen Geniestreich und Absturz zu balancieren. Sein Wagnis – selten genug im amerikanischen Kino – hat sich gelohnt. Wenn „Saving Private Ryan“ ein grosser patriotischer Kriegsfilm ist, dann ist „The Thin Red Line“ ein grosser Film über den Krieg, von unten gesehen, wo auch die Sieger immer Verlierer sind.
Michael Lang (gekürzt)
The Thin Red Line, USA 1998, Regie: Terrence Malick
Film des Monats März 1999
