The Straight Story

Die bisherigen „Helden“ des Lynch´schen Universums hatten den dunklen Seiten des Lebens nichts oder zumindest sehr wenig entgegenzusetzen. Die Hauptfigur seines neuen Films ist da ganz anders. „The Straight Story“ ist eine wunderbare Überraschung.

Ein von Sternen übersäter Himmel. Eine weite, in gelbes Licht getauchte Spätsommerlandschaft. Der auf einer wahren Geschichte basierende Film „The Straight Story“ beginnt mit Bildern, die man am Anfang eines Werks von David Lynch nicht unbedingt erwartet. Der erste Eindruck bestätigt sich in dem, was folgt. Anders als in früheren Filmen von Lynch geht es diesmal nicht um bizarre Obsessionen, dunkle Mächte oder Auseinandersetzungen mit dem Bösen – obwohl es kurz nach dem Vorspann noch so scheint: Eine dicke Frau erhebt sich umständliche von ihrem Liegestuhl, geht weg. Die Grasfläche zwischen zwei Häusern ist jetzt leer, die Kamera fährt langsam auf das eine Haus zu. Etwas Ungutes scheint in der Luft zu liegen, wobei dieses Gefühl – wie oft bei Lynch – nicht zuletzt durch den Ton vermittelt wird: Plötzlich ist nur noch der durch die Bäume rauschende Wind zu hören, immer lauter und unheimlicher.

Unheil ankündende Szenen wie diese gibt es in „The Straight Story“ nur vereinzelt. Und die Hauptfigur Alvin Straight (Richard Farnsworth) hebt sich klar von früheren Figuren des Lynch´schen Universums ab, die unfertig und gespalten wirkten, den dunklen Seiten des Lebens nichts oder zumindest sehr wenig entgegenzusetzen hatten. Straight ist demgegenüber eine in sich ruhende Persönlichkeit, ein im wahrsten Sinne des Wortes weiser Mann, der mit sich mehrheitlich im Reinen ist. Einer, der die Unbill des Lebens nicht an sich hat abprallen lassen, dadurch stark geworden ist – und gleichwohl Schwächen hat. Straight ist 73 Jahre alt und lebt mit seiner erwachsenen Tochter Rose (Sissy Spacek) in einem kleinen Haus im amerikanischen Staat Iowa. Eines abends erreicht ihn die Nachricht, dass sein Bruder Lyle, mit dem er seit einem Streit vor Jahren nicht mehr gesprochen hat, einen Schlaganfall erlitten habe. Er beschliesst, Lyle zu besuchen, sich mit ihm zu versöhnen. Nur, wie soll er nach Wisconsin kommen? Er hat weder viel Geld noch einen Führerschein, bis zu seinem Bruder sind es mehrere hundert Meilen und Straight will allein reisen. Schliesslich macht er sich mit einem langsam tuckernden Rasenmäher auf den Weg, ist mehrere Wochen durch die Provinz unterwegs, lebt im Rhythmus der Natur und trifft die verschiedensten Menschen.

Lynch hat in seinen Filmen immer wieder mit Stilisierungen gearbeitet, mit fantastischen, märchenhaften Elementen. Der Umstand, dass Straight unterwegs ausschliesslich wohlwollenden und liebevollen Menschen begegnet, mag ebenfalls stilisiert erscheinen, seine Reise vielleicht sogar wie der Traum eines alten, gesundheitlich angeschlagenen Mannes. Allerdings hat Lynch in verschiedenen Interviews betont, tatsächlich habe kein Mensch dem wirklichen Alvin Straight in irgendeiner Art böse gewollt. Und wenn er so war, wie jetzt im Film dargestellt -nämlich von Urvertrauen durchdrungen -, gibt es keinerlei Grund, Lynchs Worten nicht zu glauben. In „The Straight Story“ geschieht – wie erwähnt – anders als in früheren Filmen von Lynch nichts Furchterregendes. Die Risse in der Seele des Alvin Straight werden nicht durch äusserliche Schrecknisse gespiegelt und ans Tageslicht geholt. Und Lynch breitet sie auch nicht wortreich aus, lässt seine Hauptfigur vielmehr da etwas erzählen, dort etwas andeuten.

„The Straight Story“ ist die Geschichte von einem, der auszog, sich mit seiner Vergangenheit zu versöhnen. Gradlinig erzählt, wunderbar gespielt, formal gekonnt ist der neue Film von David Lynch nicht abgründig wie seine früheren Werke, tiefgründig hingegen schon. Und schlicht und einfach wunderschön.

Judith Waldner (gekürzt)

„The Straight Story“, Frankreich/USA 1999, Regie: David Lynch

Film des Monats Januar 2000