The Cider House Rules (Gottes Werk und Teufels Beitrag)
Unweit des Bahnhofs von St. Cloud´s (Maine) befindet sich ein stattliches Anwesen, in dem der patriarchalische Arzt Wilbur Larch (Michael Caine) zusammen mit zwei Krankenschwestern das Szepter führt. Doktor Larch und seine treuen Gefährtinnen betreuen, fernab der Argusaugen von puritanischen staatlichen Wohlfahrtsbeamten, eine kunterbunte Schar von Waisenkindern. Wer also nach St. Cloud´s kommt, trägt sich vielleicht mit dem Gedanken an eine Adoption. Es kann aber auch sein, dass bei Doktor Larch Frauen vorsprechen, die ihr Kind gebären, aber nicht behalten wollen. Oder solche, die überhaupt kein Kind wollen. Doktor Larch ist dann bereit, gegen alle Ge-setze, Konventionen, religiöse Einwände und moralische Bedenken Abtreibungen vorzunehmen.
Das ist das Ausgangsszenario einer ebenso ungewöhnlichen wie dramatischen Filmgeschichte, die gegen Ende der Dreissigerjahre ihren Anfang nimmt und Mitte der Vierzigerjahre endet. Erfunden und 1985 als monumentalen Roman publiziert hat sie der amerikanische Erfolgsautor John Irving. Erzählt wird die aussergewöhnliche Lebenssaga des Waisenbuben Homer Wells (Tobey Maguire), der von Doktor Larch gewissermassen an Sohnesstatt unter die Fittiche genommen wird. Der Bub wächst heran, er wird in die Geheimnisse der Medizin eingeführt, mausert sich zum Assistenten Doktor Larchs und nimmt – contre coeur – auch an den gynäkologischen Eingriffen teil, die neues Leben verhindern. Homer ist intelligent, sensibel und spürt eines Tages, dass das Leben in St. Cloud´s wohl nicht die ganze Welt ersetzen kann. So beschliesst er, fortzuziehen. Als Candy (Charlize Theron) und ihr Verlobter Wally (Paul Rudd) nach St. Cloud´s kommen, um eine Abtrei-bung vornehmen zu lassen, nehmen sie Homer mit und verschaffen ihm einen Job als Apfelpflücker auf der Farm von Wallys Familie.
Homer ist zufrieden, arbeitet hart aber ehrlich mit afroamerikanischen Wanderarbeitern zusammen. Doch als sich Candys Bräutigam Wally zum Dienst im Pazifikkrieg meldet, wird alles anders. Bald verliebt sich der unerfahrene Homer in Candy und diese Zuneigung wird erwidert. Und als Rose-Rose (Erykah Badu), die Tochter des farbigen Vorarbeiters Mister Rose (Delroy Lindo), schwanger wird, gerät Homer Wells aus St. Cloud´s in einen fatalen Schicksalsstrudel. Es geht um Inzest, um Treuebruch, um Freundesverrat. Homer Wells streift die Haut der Unschuld ab, er muss erwachsene Entscheidungen treffen und sein Leben noch einmal ändern. Als er eines Tages Nachricht aus St. Cloud´s erhält, weiss er, was zu tun ist.
„The Cider House Rules“ schildert das Erwachsenwerden eines jungen Mannes – episodenreich, von einer Mixtur aus bitterem Humor und leidenschaftlicher Wärme genährt. In John Irvings Dreh-buch findet sich eine mosaikartige Geschichte, komponiert aus illustrativen Versatzstücken tragi-scher, komödiantischer und melodramatischer Natur. Wer von diesem Film primär eine Auseinan-dersetzung mit der Frage der Abtreibung erwartet, wird feststellen, dass diese Ansprüche nur teil-weise eingelöst werden. Autor John Irving und Regisseur Lasse Hallström haben bewusst auf eine klar fixierte Stossrichtung verzichtet. Die Stärke ihrer erstaunlichen Zusammenarbeit liegt also nicht in der radikalen Suche nach Antworten auf eine grundlegende ethisch-moralisch-religiöse Problematik, sondern im Bemühen um eine universalere (nicht verharmlosende) Darstellung der Frage, was denn das Leben lebenswert machen könnte. Und die Botschaft, die es mit anrührender filmischer Passion transportiert, ist in ihrer ganzen Einfachheit anarchistisch: Das Schicksal kann zuweilen Stürme entfesseln, die einen Menschen an Bojen herandrängen, die nur dann umschifft werden können, wenn man sogar unverrückbar scheinende Regeln aufbricht. Wie Doktor Larch es tut. Wie Homer Wells es weiterführt.
Michael Lang
„The Cider House Rules“, Gottes Werk und Teufels Beitrag, USA 1999, Regie: Lasse Hallström
Film des Monats März 2000
