The 92 Minutes of Mr. Baum
Micky Baum ist zwar nicht mehr jung, leicht beleibt, nur durchschnittlich glücklich verheiratet. Aber insgesamt geht es dem Mittelständler aus Tel Aviv ganz gut, und ein schöner Teil des Lebens scheint noch vor ihm zu liegen. Doch weil ab einem gewissen Alter auch ein Mann seinen Gesundheitszustand regelmässig überprüfen lassen sollte, besucht er den Hausarzt, der ihn mit einer ungeheuerlichen Diagnose überrumpelt: In genau 92 Minuten soll es mit seinem Leben vorbei sein. Warum? Der Mediziner hat einen extrem aggressiven Tumor geortet, der jegliche therapeutische Behandlung unwirksam macht. Nun steht Baum da wie der sprichwörtlich begossene Pudel und fragt sich: Was soll geschehen, wer soll informiert werden?
So die Ausgangslage von „The 92 Minutes of Mr. Baum“, einer Tragikomödie des israelischen Regisseurs, Drehbuchautors und Darstellers Assi Dayan. Der Film bildet (mit „Life According to Agfa“, 1994 und „The Electric Blanket“ 1994) den letzten Teil einer Trilogie über Dayans filmische Suche nach dem Sinn des Lebens. Was er in „Mr. Baum“ abhandelt, ist die Chronik einer zeitgenössischen israelischen, urbanen Männerbiografie im Schnelldurchlauf. Wir sehen den unglücklichen Micky im Stadtverkehr fahrend, das Handy griffbereit. Verzweifelt versucht er, mit den Liebsten Kontakt aufzunehmen. Doch wer mag schon eine derart absurd klingende Story glauben? Die Gattin Dalia (Rifka Noiman) jedenfalls nicht, denn als Fernsehjournalistin ist sie voll beschäftigt und empfiehlt dem Gatten zynischerweise einen letzten Kinobesuch. Der Sohn wiederum steckt in einem soldatischen Manöver in der Wüste und philosophiert per Telefon über den Tod an sich. Bleibt noch der Freund und Geschäftspartner Shaike (Nathan Zehavi), dem der Sinn keinesfalls nach Diskussionen über den Tod steht, sondern nach Sex mit der neuen Geliebten.
Micky Baum stellt fest, dass die vom Leben Gestressten von einem kurzfristig angekündigten Tod nichts wissen wollen, eine Erkenntnis, die zur totalen Resignation führen könnte. Doch Dayan (Drehbuchautor und zugleich selbstironischer Hauptdarsteller) lässt das nicht zu. Wehleidigkeit und düstere Gedankenspiele kommen nie auf, dafür macht die quere Komik die tragischen Konturen um so deutlicher.
Dayan hat bei den Recherchen Menschen gefragt, was sie mit den 92 letzten Lebensminuten anfangen würden, und er hat keine vernünftigen Antworten erhalten. Denn: „92 Minuten sind zu kurz, um Selbstmord zu begehen oder eine Weltreise oder Liebe zu machen. 92 Minuten sind aber auch eigentlich zu kurz, um – wie im Film ausgeführt – den grössten Teil dieser Zeit im Verkehrsstau oder in Vorzimmern zu verschwenden.“ Dieses Dilemma löst Dayan plausibel. „Mr. Baum“ funktioniert, weil mit einfachen dramaturgischen Mitteln die finalen Momente eines sympathischen Anti-Helden konsequent skizziert werden. Eines Mannes, der sich bis zuletzt über den dümmlichen Freund der heissgeliebten Tochter ebenso ärgern muss wie über seinen japanischen Businesspartner. Was Dayan postuliert, ist simpel: Sogar wer dem Tod ins Auge blickt, kann sich dem alltäglichen Wahnsinn nicht entziehen.
Wer hinter Micky Baum den realen Assi Dayan vermutet, dürfte nicht ganz falsch liegen. Der Sohn des israelischen Kriegshelden und Politikers Moshe Dayan gilt in seinem Land als Systemkritiker. So radikal wie im brillanten Drama „Life According to Agfa“, wo er rassistische Tendenzen in der israelischen Armee entlarvte, zeigt sich Dayan allerdings nicht mehr. Er verzichtet auf die frontale Provokation, rückt dafür sich selber als verletztes (und verletzliches) Individuum ins Bild. Den Rückzug ins Persönliche könnte man als Kapitulation eines rebellischen Geistes auslegen, doch wer genau zusieht und zuhört spürt, dass die egozentrische Position mehr sein könnte: Eine raffinierte Tarnung, eine verfeinerte Form des Protestes an den aktuellen sozialen- und politischen Verhältnissen.
Michael Lang (gekürzt)
„The 92 Minutes of Mr. Baum“, Regie: Assi Dayan
Film des Monats Mai 1998
