Still Walking
Eine Witwe sei keine gute Frau, eine Geschiedene sei besser, weil sie nicht vergleicht, sondern froh ist, einen Neuen zu haben. Beim Kochen und Tischdecken mit der sanften Stimme einer wohlmeinenden Mutter dahergesagt, ist es doch ein knallhartes Urteil, das die alte Frau über ihre Schwiegertochter fällt. Und so geht es weiter bei diesem japanischen Familientreffen, das mit kulinarischen Genüssen aufwartet, aber auch mit den Sticheleien und dem emotionalen Ballast, den eine Familie ausmachen.
Bei den betagten Eltern sind zwei erwachsene Kinder mit ihren Familien zu Besuch. Sie gedenken ihres Bruders, der vor 15 Jahren ums Leben kam, als er einen Jungen vor dem Ertrinken rettete. Schon längst leben alle ihr eigenes Leben und sind doch bleibend im Familiensystem verbunden. Familienbande, die trotz aller Unzulänglichkeiten und Sticheleien nicht reissen. Bewundernswert, wie gerade die Schwiegertochter mit unerschütterlicher Freundlichkeit ausharrt. Mit kleinen Gesten, Mimiken, gesagten oder eben unterlassenen Worten skizziert der Film den Mikrokosmos Familie in interessanten Schattierungen. Zwar spielt er im japanischen Kulturkreis, doch gibt es erstaunlich viele Wiedererkennungseffekte. Ein leises Wunderwerk des japanischen Regietalents Kore-Eda.
Christine Stark, Filmbeauftragte der Reformierten Medien
christine.stark@ref.ch
„Still Walking“, Japan 2008, Regie: Hirokazu Kore-Eda, Besetzung: Abe Hiroshi, Harada Yoshio, Natsukawa Yui, Kiki Kirin, Tanaka Shohei, Verleih: Trigon-film, Internet: http://www.trigon-film.org; Filmwebsite: http://www.trigon-film.org/de/movies/Still_Walking
Kinostart: 17. September 2009
